Als Lutmir Krasniqi vor sieben Jahren aus dem Kosovo ins Ruhrgebiet kam, sprach er kein Wort Deutsch. Vor ein paar Wochen hat der 18-Jährige Abitur gemacht - mit einem Durchschnitt von 1,4. Einer seiner beiden Leistungskurse war Deutsch, die Sprache, in der er bei seiner Ankunft noch nicht mal bis 10 zählen konnte.

Es gibt durchaus solche Erfolgsgeschichten im deutschen Schulsystem. Es sind nur zu wenige. Immer wieder zeigen Studien: Der Bildungserfolg in Deutschland hängt stark vom Elternhaus ab. Seit vielen Jahren diskutieren Bildungspolitiker darüber, wie man das ändern kann. Es ist wohl nicht in erster Linie eine Frage des Geldes.

Lutmirs Familie ließ sich 2006 in Oberhausen nieder, einer der ärmsten Städte Deutschlands. Im Zentrum stehen viele Geschäfte und Kaufhä user leer. Auch das Elsa-Brändström-Gymnasium, ein düsterer Backsteinbau, könnte mal wieder einen neuen Anstrich gebrauchen. Und doch hat Lutmir genau hier seine Liebe zur deutschen Sprache entdeckt.

Als er damals neu auf die Schule kam, ging er zunächst in die "Internationale Vorbere itungsklasse" (IVK), in der er zusammen mit einigen anderen ausländischen Kindern Deutsch lernte. "Ich hatte echt Angst am Anfang", erinnert er sich. "Ich dachte, ich schaffe das nicht." Doch bald schon konnte er sich mit den anderen Schülern unterhalten - heute spricht er zwar mit Akzent, aber grammatikalisch lupenrein.

Seine Eltern konnten ihm in der Schule nicht helfen. Daran scheitern in Deutschland zahllose Schulkarrieren. Die Lehrer bauen auf die Eltern. Das richtige Pauken soll seit den Tagen Bismarcks am heimischen Schreibtisch erledigt werden.

Eine repräsentative Umfrage der Universität Bielefeld hat ergeben, dass 77 Prozent der Eltern ihren Kindern bei der Vorbereitung von Klassenarbeiten und Referaten helfen. 63 Prozent erarbeiten sogar "grundsätzlich gemeinsam mit ihrem Nachwuchs den Lernstoff". Das setzt Maßstäbe. Auch für die übrigen Kinder, die zu Hause keine Hilfe bekommen. Weil ihre Eltern nur Hauptschulabschluss haben. Weil sie kaum Deutsch sprechen. Oder weil sie alleinerziehend sind und tagsüber arbeiten müssen.

Das mehrfach ausgezeichnete Elsa-Brändström-Gymnasium hat die Hausaufgaben schon vor Längerem abgeschafft - was anfangs für einige Aufregung sorgte. Schulleiterin Brigitte Fontein sagt, viele Eltern seien keineswegs dankbar, wenn ihnen die Paukerei abgenommen werde. "Sie befürchten Kontrollverlust."

An dem Oberhausener Gymnasium wird die Übungsphase in den Unterricht eingebaut - spezielle Hausaufgabenstunden gibt es nicht, dafür gezielte Förderung. Dann übt ein Fachlehrer mit höchstens vier Schülern.

Spätestens um 16 Uhr gehen alle nach Hause - und haben dann auch nichts mehr auf. Sechs Stunden in der Woche sind für Freiarbeit reserviert. Das sieht dann zum Beispiel so aus: Die Tür der Klasse 6d ist weit geöffnet, die Schüler haben sich in Dreiergruppen auf Decken über den Gang und einige angrenzende Räume verteilt und arbeiten alle an unterschiedlichen Aufgaben, die sie selbst gewählt haben.