Fa st jeder zehnte Verbraucher in Deutschland ist überschuldet - und das mit steigender Tendenz. Damit sei der Rot-Ton der Überschuldungsampel in Deutschland noch dunkler geworden, beklagte die Wirtschaftsauskunftei Creditreform in Düsseldorf. Die Experten legten am Donnerstag ihren neuen "Schuldneratlas 2014" vor. Im Vergleich zum Vorjahr sei die Zahl der von Überschuldung betroffenen Menschen im Alter von über 18 Jahren um 90 000 auf 6,7 Millionen nochmals gestiegen, heißt es in der Analyse der Auskunftei. Während die durchschnittliche Verschuldung um 400 Euro auf 32 600 Euro zurückgegangen sei, habe sich das gesamte Schuldenvolumen aus Konsumentenkrediten um eine Milliarde Euro auf 218 Milliarden Euro weiter erhöht.

Diese Tendenz bestätigt auch Doreen Schulz von der Schuldnerberatung der Diakonie Cottbus. "Immer öfter bleibe nur noch die Privatinsolvenz, wenn etwa Häuser nicht mehr finanziert werden können", schildert Schulz. Als Hauptgründe nennt die Beraterin, die gut 200 Fälle pro Jahr bearbeitet, Arbeitslosigkeit, Krankheit, Scheidung oder Todesfall. Einige Banken hätten indes dazugelernt und würden versuchen, mit Schuldnern Auswege zu finden.

Die Schuldnerquote in Deutschland habe von 9,81 Prozent auf 9,90 Prozent weiter zugelegt. Damit sei nahezu jeder Zehnte überschuldet und habe mit "nachhaltigen Zahlungsstörungen" zu kämpfen. Die Schuldnerquote in Deutschland erreicht den höchsten Stand seit Beginn der Finanz- und Wirtschaftskrise 2007/2008, wie die Creditreform-Experten feststellen. Besonders deutlich zugenommen habe dabei die Zahl der besonders schweren Fälle.

Angesichts der sich wieder eintrübenden Konjunkturlage sei derzeit eine Entspannung der Überschuldungslage der deutschen Verbraucher in weite Ferne gerückt, hieß es. Die Creditreform-Experten sehen eine "Erosion der Sparkultur" und einen zunehmenden Bedeutungsverlust der Altersvorsorge. Damit steige das Überschuldungsrisiko vieler Verbraucher deutlich, warnen sie. Stattdessen hätten viele Verbraucher den vergleichsweise positiven Wirtschaftsverlauf der vergangenen Jahre genutzt, um vorhandene Anschaffungswünsche zu verwirklichen oder entgangenen Konsum nachzuholen.

Sabine Lichtwald von der Schuldnerberatung des DRK Cottbus/Spree-Neiße berichtet davon, dass Männer mit Verbindlichkeiten aus mehreren Handyverträgen in der Höhe von Tausenden Euro in ihre Beratung kämen. "Bei Frauen sind es eher Versandhauskosten, die nicht mehr beglichen werden können", erläutert sie. Immer öfter komme es auch zur generationenübergreifenden Verschuldung, wenn etwa Großeltern für Enkel beim Autokauf bürgen und plötzlich beide in die Schuldenfalle geraten.

2013 hatten die deutschen Verbraucher mit knapp 1,6 Billionen Euro so viel konsumiert wie noch nie, wie aus der Studie hervorgeht. Damit sei der oft kreditfinanzierte private Konsum zu einer wichtigen Stütze der Binnenkonjunktur geworden. "Viele haben sich zu viel zugemutet", sagte Creditreform-Sprecher Michael Bretz.

Unter den Bundesländern haben die höchsten Schuldnerquoten Bremen (13,95 Prozent) und Berlin (13,02), gefolgt von Sachsen-Anhalt (12,57) und Nordrhein-Westfallen (11,46). Brandenburg (10,02) und Sachsen (9,31) stehen deutlich besser da. Spitze sind Bayern (7,0) und Baden-Württemberg (8,02).

Unter den deutschen Regionen bilde der Westen Deutschlands das Schlusslicht. Insbesondere das Ruhrgebiet sei betroffen. Hier finde sich eine Gemengelage aus hoher Arbeitslosigkeit, Einkommensarmut und eines hohen Anteils an sozialen Transferleistungen. Das Ruhrgebiet bleibe das eigentliche "Sorgenkind", da die Tendenz der Überschuldung dort weiter zunehme .

Zum Thema:
Ein Unternehmen ist nach Insolvenzordnung überschuldet, wenn das Vermögen die bestehenden Verbindlichkeiten nicht mehr deckt. Für Privatleute definieren Verbraucherschützer es so: Wenn nach Abzug der Mittel für den grundlegenden Lebensbedarf nicht genug bleibt, um Zahlungsverpflichtungen pünktlich zu erfüllen. Die Auskunftei Creditreform macht die Zahl der überschuldeten Verbraucher daran fest, ob jemand seine Rechnungen bei mindestens drei Gläubigern trotz zwei bis drei Mahnungen nicht begleicht - und damit seinen Zahlungsverpflichtungen in absehbarer Zeit nicht nachkommt.