Zwei Säcke Kartoffeln, etliche Kilogramm Gemüse, Fleisch und andere Waren türmen sich auf der Karre, die der Zwölfjährige durch das Gedränge des Abasto-Marktes in Santa Cruz bugsiert. Kinderarbeit ist in Bolivien weit verbreitet.

Forderungen an die Politik
Viele Familien sind auf das Einkommen der Kleinen angewiesen, um das Überleben zu meistern. Terre des hommes und andere Hilfswerke unterstützen die arbeitenden Kinder, ihre Rechte auf angemessene Arbeitsbedingungen und Entlohnung, auf Bildung und Gesundheitsfürsorge. Während in Deutschland heute der Weltkindertag gefeiert wird, wenden sich die arbeitenden Kinder in Bolivien an die Politik: Sie tragen ihre Anliegen der Verfassunggebenden Versammlung in Sucre vor. Diogenes arbeitet als carretero, als Karrenschieber auf einem der größten Märkte der Millionenstadt Santa Cruz. Er fährt Marktbesuchern ihre Einkäufe nach Hause. Sein Lohn: ein Euro für vier Stunden Arbeit. Überall in Bolivien arbeiten Kinder. Sie putzen Schuhe, verkaufen Gemüse, Zeitungen oder Plastikspielzeug, putzen Autofenster, helfen den Eltern im Haushalt, auf den Äckern oder treiben das Vieh über die Weiden. Jedes zehnt e arbeitende Kind schuftet unter miserablen Bedingungen in den Minen, den Zuckerrohr- und Paranuss-Plantagen.
Von den 1,5 Millionen bolivianischen Kindern zwischen sieben und 13 Jahren arbeiten laut Behörden acht Prozent. Das sind rund 115 000 Mädchen und Jungen. Von den unter 18-Jährigen arbeitet fast jeder dritte. Die meisten sind in der Landwirtschaft tätig - rund 95 000 Mädchen und Jungen. Das UN-Kinderhilfswerk Unicef fordert die Abschaffung der Kinderarbeit und unterstützt den Plan des Arbeitsministeriums, dies allmählich zu verwirklichen. Terre des hommes bezieht Position dazwischen.

Kontroverse Diskussion
"Wir hoffen natürlich, dass irgendwann der Tag kommt, an dem kein Kind mehr aus wirtschaftlicher Notwendigkeit heraus arbeiten muss", sagt die Bolivien-Koordinatorin Cristina Cardoso. "Wir können die Tatsache jedoch nicht abstreiten, dass Kinder zum Familieneinkommen beitragen müssen." Terre des hommes und der bolivianische Kinderrechtsverband DNI schätzen die Zahl arbeitender Kinder weit höher ein als die Statistik. Die Diskussion über Kinderarbeit wird in Bolivien kontrovers geführt: Für indianische Kleinbauernorganisationen gehört Arbeit selbstverständlich zum Leben und Lernen der Kinder dazu. Denn ein Kind, das das Vieh über die Weiden des Altiplano treibt, bewahrt in ihren Augen auch die indianische Kultur. Anders dagegen Gewerkschafter und traditionelle Linke: Sie sind gegen Kinderarbeit, weil sie die Löhne drückt. Und auch Unicef plädiert für ein Verbot.
Terre des hommes wiederum unterstützt die Organisationen arbeitender Kinder, die sich für bessere Arbeitsbedingungen einsetzen. Der Kinderrechtsverband DNI hatte schon vor Jahren erreicht, dass das Kinder- und Jugendschutzgesetz Boliviens die Erwerbstätigkeit von Kindern akzeptiert und nicht kriminalisiert, solange diese wirtschaftlich notwendig ist. "Der Zugang zu Bildung und Gesundheitsvorsorge muss gewährleistet sein, Migration und Ausbeutung muss verhindert werden", so Cardoso.