Der Grund für den unplanmäßigen Stopp war menschlicher Natur: Diebe hatten die Oberleitung aus Kupfer geklaut. Beim Schrotthandel wie dem von Frau Müller bringt die Tonne Kupfer derzeit 5000 Euro. "Es ist eine irre Zeit", sagt die Dresdner Geschäftsfrau. Das Firmengelände wird inzwischen nachts und am Wochenende von einem Wachdienst gesichert.
Die kleinen Fische im Schrottgeschäft machen den Geschäftsleuten gar nicht mal so große Sorgen. Müller spricht von fliegenden Händlern, die von Stadt zu Stadt ziehen und metallisches Diebesgut in bare Münze verwandeln wollen. "Von denen nehmen wir nichts an. Mittlerweile klauen aber alle Schichten der Bevölkerung. Da ist es mitunter schwer, legalen Schrott von gestohlenem zu unterscheiden." Mitunter hätten Kleinkriminelle nachts vom Schrottplatz Teile gestohlen und sie tagsüber am Tatort wieder zum Verkauf angeboten.
Steigende Weltmarktpreise für Metalle haben Schrottdiebstahl zum lukrativen Geschäft gemacht. Selbst Dinge, die gemeinhin als niet-und nagelfest gelten, werden von professionell ausgerüsteten Banden abmontiert, zerkleinert und den Händlern angeboten. Auf diese Weise kommen sogar Schienenstränge oder Kesselwagen abhanden. Ein Ende des Booms ist nicht absehbar. Da auf dem Weltmarkt vor allem China massenhaft Schrott aufkauft, ist für ständige Nachfrage gesorgt. Die Preise haben sich in den letzten Jahren vervielfacht.
Nicht nur die Zahl der Fälle ist sprunghaft gestiegen, sondern auch die Schadenssumme pro Diebstahl. In den Polizeiberichten tauchen immer wieder Anzeigen auf, bei denen Schrott-Ganoven tonnenweise Material abtransportierten. "Das trägt man nicht mit der Handtasche weg. Die Täter kommen mit Transportern und Kränen", sagt Petra Kirsch von der Polizeidirektion Oberlausitz-Niederschlesien. Allein in diesem Gebiet wurden von Januar bis Mitte Juni 151 Schrottdiebstähle registriert, im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es 110.
Bei der Schadenssumme wird das Ausmaß deutlicher: Sie kletterte im genannten Zeitraum im Ostsächsischen von 87 340 auf 342 000 Euro. In mehr als der Hälfte der Fälle konnten Täter dingfest gemacht werden. Manchmal gehen sie der Bundespolizei an der Grenze ins Netz. "Die Täter mischen sich bunt im Dreiländereck von Deutschland, Tschechien und Polen", sagt Kirsch. Laut Landeskriminalamt (LKA) Sachsen waren drei Viertel von ihnen im Zeitraum zwischen 2002 und 2004 Deutsche.
Die Leipziger Polizei wird bei Schrott meist zum Tatort Wohnhaus gerufen. "Leer stehende oder in Rekonstruktion befindliche Häuser sind ein Schwerpunkt", sagt Polizeisprecher Frank Knöfler-Apitzsch. Im März wurden aus einem "Reko-Haus" sämtliche Kupferrohre von zwei Kilometer Länge gestohlen - ein Schaden von 100 000 Euro. Auch im großen Stil sind Schrott-Diebe in Leipzig aktiv. Unlängst wurden am helllichten Tag aus einer Aluminium-Gießerei zehn Tonnen Material filmreif abtransportiert. Die Täter fuhren einen Container heraus, luden ihn draußen um und stellten den leeren Behälter wieder bei der Firma ab.
Nach Angaben von Knöfler-Apitzsch finanzieren sich manche ihre Alkohol- oder Drogensucht mit gestohlenem Metall. Schrotthändlerin Müller hat dieselbe Beobachtung gemacht. "Wir bezahlen praktisch die Getränke an der Ecke." Insgesamt wurden 2005 in Sachsen 1483 Buntmetall- und Schrottdiebstähle mit einem Schaden von 2,4 Millionen Euro angezeigt, im Vorjahr waren es 606 Fälle mit 1,1 Millionen Euro.
Das LKA hat die Tatorte aufgelistet. Leipzig, Dresden und der Kreis Löbau-Zittau gelten als Schwerpunkte, dortige Firmen sind am meisten betroffen. Oft werden die Objekte der Begierde nachts oder am Wochenende aufgesucht. "Deshalb sind wir für Tipps auf Mithilfe der Bevölkerung angewiesen", sagt Kirsch.