Die beiden Männer suchten Nähe. Für gut 24 Stunden hatte sich Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) am Bosporus angesagt und fast immer war Recep Tayyid Erdogan an seiner Seite. Das abendliche Gespräch direkt nach Schröders Ankunft am Dienstag wurde gestern in Ankara fortgesetzt. Anschließend flogen beide Regierungschefs ohne Delegation nach Istanbul weiter. Bei der Verleihung des Ehrendoktorhuts der Juristischen Fakultät an den "sehr verehrten Freund" Schröder war Er dogan ebenfalls zugegen. Zum Abschluss stand noch ein gemeinsamer Auftritt vor Wirtschaftsmanagern auf dem Programm.

Zwei Kämpfernaturen
Zu keinem anderen Amtskollegen hat Schröder innerhalb kurzer Zeit so engen persönlichen Draht gefunden wie zu dem türkischen Regierungschef. Obwohl beide aus völlig anderen politischen Lagern kommen, gibt es eine Reihe von Gemeinsamkeiten. Der Sozialdemokrat und der gemäßigte Islam-Konservative haben sich beide aus kleinen Verhältnissen hochgeboxt. Beide haben schon früh als Führungsfiguren und durch rhetorische Talente auf sich aufmerksam gemacht und haben später erstaunliche Wandlungsfähigkeit bewiesen. Auch der Fußballenthu siasmus verbindet beide. Zu einem Angebot wie an Erdogan, als Profi zu einem Meisterclub zu wechseln, hat Schröder es allerdings nie gebracht.
Die enge Tuchfühlung kam nicht von ungefähr. Demonstrativ wollten beide zeigen, dass es keine Zweifel an der Richtigkeit des eingeschlagenen Europa-Wegs gibt, der für beide innenpolitisch Risiken birgt.
Erdogan muss sich mit wachsenden nationalistischen Kräften herumschlagen, die ihm vorhalten, einen Ausverkauf türkischer Interessen wegen des Europa-Ziels zu betreiben. Dazu kommen zunehmende Ängste in der Bevölkerung vor den Folgen eines Beitritts. Solche Stimmungen allerdings mit anderen Vorzeichen kennt der Kanzler auch von zu Hause. Warnungen vor einer endgültigen Überdehnung der EU mit der Aufnahme des Balkan-Kolosses und seinen 70 Millionen Einwohnern kommen nicht nur von der Opposition, sondern auch von prominenter Stelle aus den eigenen Reihen, wie etwa von Alt-Kanzler Helmut Schmidt.

Gewinn für die EU
Sein SPD-Nachfolger teilt diese Bedenken nicht. Schröder ist weiter fest davon überzeugt, dass der Beitritt eines islamischen Landes, das europäische Standards erfüllt, ein enormer Gewinn an Sicherheit für den ganzen Kontinent und darüber hinaus wäre. Spürbar wurmte den Kanzler aber, wie die Union mit dem Türkei-Thema wohl auch mit Blick auf den Bundestagswahlkampf in gut einem Jahr umgeht. Er hält es für verantwortungslos, dass, wenn türkische Polizisten wieder einmal auf friedliche Demonstranten eindreschen, in Deutschland sofort gerufen wird, die Türken hätten in der EU nichts verloren.
Sein Besuch diente aber auch der Rückversicherung für die eigene Position. Dass er etwa zur Kontrolle der türkischen Reformen angereist sei, dagegen verwahrte sich der Kanzler energisch. Vor Ort wollte er sich aber doch schon davon überzeugen, dass der Beitrittskandidat auch seine Hausaufgaben macht und das in jüngster Zeit stockende Reformprogramm in Fahrt kommt. Nach den Gesprächen mit Erdogan schien Schröder beruhigt. Er nimmt den festen Eindruck mit nach Hause, dass die Türken ihre Zusagen einhalten werden. Selbst wenn die Franzosen Ende Mai per Referendum die EU-Verfassung kippen sollten, herrscht auf deutscher Seite Zuversicht, dass dies nichts am Termin für die Aufnahme der Verhandlungen mit der Türkei am 3. Oktober ändern wird.