Es gibt zwei Passagen in Gerhard Schröders Rede, bei denen die SPD-Abgeordneten im Deutschen Bundestag eisern schweigen. Der Kanzler hat gerade 35 Minuten seiner mit Spannung erwarteten Reform-Regierungserklärung absolviert. Michael Müller, stellvertretender Fraktionschef der Genossen, Parteilinker und mitunter ein Schröder-Kritiker, sitzt in der ersten Reihe seiner Fraktion und rührt keinen Finger. Wie beim Stoßgebet hält er stattdessen seine Hände vors Gesicht.

Weder Fisch noch Fleisch
Später wird Müller von "interessanten Perspektiven" in der Kanzlerrede sprechen, was gelinde gesagt weder nach Fisch noch nach Fleisch klingt. Ein Großteil der Sozialdemokraten hält es mit der Körpersprache ähnlich wie der Düsseldorfer, viele hocken in ihren Parlamentssesseln wie vorm Fernseher, kurz bevor man mit der Fernbedienung das Programm wegzappt. "Deswegen werden wir Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe zusammenlegen. Und zwar einheitlich auf eine Höhe, die in der Regel dem Niveau der Sozialhilfe entspricht", ist des Kanzlers Zumutung für die Parteifreunde, ist die Passage Nummer Eins, die zur demonstrativen Applausverweigerung der eigenen Leute führt.
Es kommt etwas später aber noch härter für Gerhard Schröder, den Reformer. Gut eine Stunde hat er jetzt gesprochen, die SPD-Fraktion hat am Anfang eifrig geklatscht, zweifellos, dann etwas weniger, schließlich geschwiegen. Um wieder heftig zu applaudieren, als der Kanzler die Unternehmenskultur mit ihren Millionenabfindungen sowie die Managementfehler geißelt und den Lobgesang auf Betriebsräte als Firmenretter anstimmt. Was jetzt folgt, ist Passage Nummer Zwei: Zur Senkung der Lohnnebenkosten werde "das Arbeitslosengeld für die unter 55-Jährigen auf zwölf und die über 55-Jährigen auf 18 Monate" begrenzt. Ein Stich ins linke Parteiherz, eine Zumutung für die Genossen sondergleichen, seine Fraktion wirkt wie gelähmt. Offenkundiger hätte man nicht zeigen können, dass Schröder wohl kaum den Sozialstaat so umkrempeln wird können, wie er es der Öffentlichkeit vorgestellt hat. "Der Parlamentarier ist frei in seiner Reaktion", wehrt ein Koalitionsabgeordneter, auf die Applausverweigerung angesprochen, ab.

Einen Weg gezeigt
Bis in den tiefen Donnerstagabend hat der Niedersachse im Kanzleramt mit den Spitzen seiner rot-grünen Koalition der 90-minütigen Rede den letzten Schliff gegeben und den "Ruck" fürs Land vorbereitet. Selbst Ehefrau Doris soll mit Hand angelegt haben. Es geht schließlich nicht nur um die Lage der Nation, nein, es geht auch um Schröder selbst - um die Frage, ob dieser Mann in der Lage sein wird, gegen alle Widerstände den Reformmotor mit einem Gesamtkonzept anzuwerfen, eine Vision zu entwickeln und die Nation als Ganzes dabei mitzunehmen. Ziemlich viel auf einmal also. Noch nie war deshalb vor einer Regierungserklärung der Erwartungsdruck so groß. Beziehungsweise ist eine Rede bewusst mit diesen Leitplanken so hoch stilisiert worden, um Sensibilität für den "Aufbruch" zu schaffen. "Eigentlich konnte er diese Latte nicht überspringen", sagt e in SPD-Abgeordneter im Anschluss kritisch. "Er hat einen Weg gezeigt, wie es geht", so hingegen unkritisch Generalsekretär Olaf Scholz nach Schröders Auftritt. Das klingt jedoch so leidenschaftslos, wie der Kanzler seine Rede in weiten Teilen hält.
Als er um neun Uhr ans Rednerpult schreitet, sind die Ränge des Reichstages so voll wie zuletzt bei der Abstimmung über seine Vertrauensfrage. In der ersten Viertelstunde merkt man Schröder ganz besonders an, wie groß der Druck ist, der angesichts des drohenden Irak-Krieges, der steigenden Arbeitslosigkeit und der schwächelnden Konjunktur auf ihm lastet. Da wirkt er nervös, er verhaspelt sich öfter. Im Laufe der Rede gewinnt Schröder jedoch seine Sicherheit und Souveränität zurück. Er will den Takt vorgeben und sich nicht von der Union treiben lassen. Das zumindest gelingt ihm.

Kein Befreiungsschlag
Anderes hingegen gelingt ihm nicht. "Mut zum Frieden und Mut zur Veränderung" hat er seine Regierungserklärung getauft. Der Titel allein schon ist nicht das, was man mit einem Befreiungsschlag verbinden würde. Die Rede selbst ist es auch nur an einigen Stellen, beispielsweise bei den sozialen Einschnitten oder der Modernisierung des Handwerksrechts. Das grundsätzliche Manko der Erklärung wird im Reichstag schnell deutlich: Sie bietet nur eine Zusammenfassung dessen, was in den letzten Tagen Stück für Stück durchsickerte.
Der große Wurf, der Ruck war es jedenfalls nicht, darüber ist man sich im Reichstag einig. Die Blumen, die er von einer SPD-Abgeordneten aus NRW nach seiner Rede erhält, können darüber nicht hinwegtäuschen.