Sie ist nach Brüssel gekommen, "um zu zeigen, dass nicht alle Briten so europaskeptisch sind wie ihre Regierung". Die schottische Ministerpräsidentin Nicola Sturgeon, deren Partei bei den jüngsten Unterhauswahlen fast alle Sitze im nördlichen Teil des Vereinigten Königreiches gewann, präsentierte sich am Dienstag vielmehr als große EU-Freundin, die im Gegensatz zur Tory-Regierung von David Cameron nicht nur zur Aufnahme von mehr Flüchtlingen bereit ist, sondern auch unbedingt in der Gemeinschaft bleiben will: "Wir sehen die Europäische Union als positive Kraft für Großbritannien und Schottland", so Sturgeon in ihrer Europarede vor dem European Policy Centre: "Für Investoren ist es entscheidend, dass wir Teil des Binnenmarkts sind. Unsere Hochschulen hängen von der EU-Förderung ab."

Die schottische Regierung hat deshalb ein Problem mit dem Referendum über den EU-Verbleib Großbritanniens, das Cameron bis Ende 2017 abhalten will. Die Abstimmung sei, sagte Sturgeon, stelle "die größte Bedrohung" für Schottlands Zukunft dar. Gleichzeitig stelle es nun eine Tatsache dar, mit der sie sich konstruktiv auseinandersetzen müsse. Ihre Westminster-Abgeordneten würden daher versuchen, das vergangene Woche bereits vorgelegte Referendumsgesetz in ihrem Sinne zu beeinflussen - damit zum Beispiel auch 16- und 17-Jährige sowie auf der Insel lebende Ausländer mitstimmen dürfen.

Ihre zentrale Forderung jedoch ist die nach einer doppelten Mehrheit: Das Vereinigte Königreich soll nur dann wirklich aus der EU austreten können, wenn es in den vier Teilen England, Wales, Schottland und Nordirland überall eine Mehrheit dafür gibt, "Wir wollen nicht gegen unseren Willen aus der EU gedrängt werden", stellte Nicola Sturgeon klar - und forderte Premier Cameron auf, sein Versprechen hinsichtlich einer größeren Eigenständigkeit Schottlands zu beweisen. Eine solche Zusage freilich würde das Referendum quasi bedeutungslos machen, da die Schotten mit großer Mehrheit für den Verbleib in der Gemeinschaft sind - "auch wenn man nichts für gegeben annehmen darf", wie die Ministerpräsidentin ergänzte.

Für den Fall, dass ihre Forderung nicht erfüllt wird, schickte sie eine eindeutige Drohung hinterher: "Meine Botschaft an David Cameron ist ganz klar: Schaffen Sie nicht die Umstände, die das Verlangen nach einem neuen und dann möglicherweise nicht mehr aufzuhaltenden Unabhängigkeitsreferendums kreieren!" Im Klartext: Wenn das Vereinigte Königreich ohne entsprechende Mehrheit in Schottland aus der Europäischen Union austräte, könnte Schottland wiederum aus dem Vereinigten Königreich austreten - wogegen es noch im vergangenen Jahr gestimmt hatte . In diesem Fall ist sich Sturgeon sicher, könnte ihr Land auch EU-Mitglied bleiben - "weniger deshalb, weil es juristisch so leicht wäre, sondern aus realpolitischen Gründen".