Göttingen, München, Regensburg und nun Leipzig - schon wieder gibt es einen Transplantations-Skandal in einer Klinik. Die Vorwürfe ähneln sich: Patienten sollen kränker geschrieben worden sein, als sie waren, um sie in Wartelisten für Transplantationen nach oben zu hieven. Staatsanwaltschaften ermitteln, warum Ärzte das gemacht haben. Das Bundesgesundheitsministerium spricht von Einzelfällen.

Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, sagt dagegen: "Es besteht ein System." Das Vertrauen in die Organspende in Deutschland ist erschüttert.

Am Transplantationszentrum des Uniklinikums Leipzig (UKL) sind nach dem bisherigen Ergebnis der Prüfung 38 Patienten fälschlicherweise zu Dialyse-Fällen erklärt worden. Dadurch stieg ihre Dringlichkeit für eine Lebertransplantation. "Das ist ein für mich bestürzendes Ergebnis. Ich bin fest davon ausgegangen, dass wir ein regelkonformes Verfahren haben", sagt der medizinische Vorstand des UKL, Prof. Wolfgang Fleig, am Mittwoch in Leipzig. Der Direktor der Transplantationsklinik und zwei Oberärzte wurden beurlaubt.

Die Staatsanwaltschaft Leipzig hat sich eingeschaltet. "Wir haben ein Prüfverfahren eingeleitet, um festzustellen, ob sich aus den mitgeteilten Mängeln und Unregelmäßigkeiten Anhaltspunkte für eine strafrechtliche Relevanz ergeben", sagt Behördensprecher Ricardo Schulz. Man stehe jedoch ganz am Anfang der Ermittlungen.

Im Göttinger Fall sind die Ermittler einen Schritt weiter: Dort wird gegen einen verantwortlichen Mediziner wegen des Verdachts der Bestechlichkeit ermittelt.

Der Leipziger Klinik-Chef Fleig sagt, er könne Schmiergeldzahlungen nicht ausschließen - aber vorstellen könne er sich nicht, dass Geld geflossen ist. Ermittler sehen zwischen den Fällen in Leipzig und denen in Göttingen sowie Süddeutschland bislang keinen Zusammenhang.

Patientenschützer Brysch beklagt, dass das Transplantationssystem in Deutschland nicht in staatlichen Händen, sondern in denen privater Akteure liege. Damit meint er die Bundesärztekammer, unter deren Federführung jetzt alle 47 Transplantationszentren in Deutschland überprüft werden.

Je mehr kontrolliert werde, desto mehr Mauscheleien kämen ans Licht, sagt Brysch. "Als die ersten Fälle im Juli 2012 aufgedeckt waren, wurde bagatellisiert. Dann war die Empörung groß, und jetzt werden die Fälle nur noch gezählt." Brysch wirft der Politik Versagen vor.

Das Bundesgesundheitsministerium weist die Kritik zurück. "Es gibt Überwachungs-, Prüfungs- und Kontrollmechanismen, die funktionieren", sagt eine Sprecherin in Berlin. Die aufgedeckten Manipulationen an drei von bisher zehn überprüften Zentren seien Beleg dafür.

Auch Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery betont, dass die Kontrollen funktionierten. Noch drei Jahre lang werde geprüft - und Montgomery räumt ein, dass dabei weitere Manipulationen aufgedeckt werden könnten.

Unabhängig vom Ausgang der Prüfungen hat der Ruf der Organspende in Deutschland einen schweren Schaden erlitten - zulasten aller schwer kranken Menschen, die dringend auf ein Spenderorgan warten.

Im vergangenen Vierteljahr 2012 seien die Spenderzahlen deutlich zurückgegangen, beklagt Günter Kirste, medizinischer Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO). Im Oktober habe es nur noch 60 statt wie sonst 100 Spenden gegeben, auch der November und der Dezember seien schlecht gelaufen.

Dabei betont Kirste, dass die Organspende sicher geregelt sei. "Es gibt keinen Skandal in der Organspende, es ist ein Skandal in der Transplantation."