Frisch vergoldet glänzen die Gewänder von Maria und anderen Figuren. Wurmlöcher im Holz sind gefüllt, Risse in den Gesichtern verschwunden, fehlende Finger ersetzt. Nun mühen sich drei Männer, die lebensgroßen Holzfiguren wieder an ihre angestammten Plätze auf dem Altar in der Neuzeller Pfarrkirche "Zum heiligen Kreuz" zu hieven. "Allein eine dieser Figuren wiegt 150 bis 200 Kilogramm", sagt Restauratorin Dorothee Schmidt-Breitung.

Die 43-jährige Fachfrau gehörte zu einem Expertenteam, das sich in den vergangenen zwei Jahren mit der Restaurierung des 1734 fertiggestellten Altars befasste. Er stammt von dem bayerischen Bildhauer Johann Wilhelm Hennevogel, der sich vorübergehend in Neuzelle niedergelassen hatte. "An dem aufeinander genauestens abgestimmten Gesamtkunstwerk wurde schon damals jahrelang gearbeitet", sagt Schmidt-Breitung.

Nun, knapp 300 Jahre später, wurde der noch im Original erhaltene Altar erstmals auseinandergenommen und gereinigt. Lose Teile mussten geleimt, mürbes Holz stabilisiert und fehlende Stücke nachgeschnitzt werden. Zu dem Kunstwerk aus Lindenholz gehören neun lebensgroße Figuren, dazu 17 große Engel und 19 Engelsköpfe, die in plastisch gestaltete Wolken eingebettet sind

Jede Skulptur ist den Experten zufolge ein Unikat. Ergänzt wird das barocke Prunkstück durch Stuckmarmor - als Säulen, Wandtafeln und Geländer. Er wird künstlich hergestellt aus Kreide, Farbpulver und Leim, erklärt Schmidt-Breitung. Damit er wieder glänzt, muss auch er gereinigt und poliert werden.

Eine knifflige Sache sei die Arbeit an der barocken Gesamtkomposition öfter gewesen, erinnert sich die Restauratorin. Sie brachte hauchdünnes Blattgold auf die Gewänder, bügelte es mit einer Art Heizspachtel fest. "Glücklicherweise war der Holzwurm nicht mehr aktiv", erzählt sie lächelnd. Unzählige Löcher zumindest im sichtbaren Bereich zu stopfen, war sehr aufwendig: Watte und Holzkitt wurden mithilfe von Schasch-likstäbchen verfüllt. Ursprünglich war die Schönheitskur für den Altar der um 1730 fertiggestellten und erst Jahre später geweihten Kirche gar nicht vorgesehen, sagt Walter Ederer, Marketingleiter der Stiftung Stift Neuzelle, die die Zisterzienseranlage in Neuzelle verwaltet. Seit 2009 laufe die Sanierung an der Pfarrkirche. Dabei sei mehr Geld eingeplant worden als am Ende gebraucht wurde.

2,9 Millionen Euro Landes- und Bundesmittel flossen seinen Angaben nach in die Sanierung. Das Gotteshaus gehört zur als "Barockwunder Brandenburgs" bekannten Stifts-Klosterkirche in der geschichtsträchtigen Zisterzienserklosteranlage, die jährlich rund 100 000 Besucher anzieht.

Ein wenig abseits des zentralen Stiftsplatzes stehend, wurde der evangelische Sakralbau nach dem Vorbild der Jesuitenkirche in Rom erbaut. Er besticht vor allem in seinem Inneren durch die charakteristische Kuppel über dem Chorraum, die von innen mit einem 125 Quadratmeter großen dekorativen Fresko verziert ist.

Ein weiteres Highlight ist nun auch der Altar. "Für seine Restaurierung war es höchste Zeit", sagt die Restauratorin. Die sogenannte Gottvatergruppe, die in neun Metern Höhe den Abschluss des barocken Altars bildet, drohte herabzustürzen.

Risse im Holz wurden zusehends größer, die Substanz bröseliger, sodass die Figuren irgendwann unwiederbringlich kaputt gegangen wären, erklärt sie.

Reinhard Hoffmann aus Mainz steht mit seiner Ehefrau in der Kirche. Vor 15 Jahren sei er schon einmal hier gewesen, sagt er. Damals wirkte alles "noch sehr verkommen". "Ich freue mich, dass dieses Kleinod gerettet wurde", sagt er.

Nach Angaben von Marketingleiter Ederer flossen seit den 1990er-Jahren rund 53 Millionen Euro in die Sanierung. Die Ersten, die den restaurierten Altar der "Heilig-Kreuz"-Kirche vollständig bewundern können, sind die Besucher eines Weihnachtskonzerts am Samstag um 15 Uhr. Einen Tag später gibt es einen Gottesdienst, an dem die rund 1500 Mitglieder zählende evangelische Kirchengemeinde ihren Altar wieder benutzt.