Uwe R., ein seit zwei Jahren suspendierter Kriminalkommissar, und André W., Unternehmer und Sicherheitschef beim Cottbuser Fußballklub Energie, sitzen nebeneinander mit vor der Brust verschränkten Armen auf der Anklagebank des Amtsgerichtes Cottbus, während Staatsanwältin Stefanie Gerhardt die Anklage vorträgt. Dem Polizisten wirft sie Bestechlichkeit in einem besonders schweren Fall vor sowie Verrat von Dienst- und Privatgeheimnissen. André W. muss sich wegen Bestechung und Anstiftung zum Geheimnisverrat verantworten.

Nach einem Rechtsgespräch, bei dem für ein umfassendes Geständnis beiden Strafen auf Bewährung zugesichert werden, räumen sie die Vorwürfe der Anklage umfassend ein. Ihr Motiv: eine langjährige intensive Freundschaft.

Ihre Geständnisse verkürzen den Prozess am Schöffengericht auf nur einen Verhandlungstag. Verurteilt worden wären sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch, wenn sie geschwiegen hätten. Denn die Beweise, eine Vielzahl sichergestellter Kurznachrichten auf ihren Smartphones und andere Unterlagen, sind erdrückend.

Danach durfte Kriminalkommissar Uwe R. von 2008 bis 2013, als die korruptive Verbindung aufflog, einen Audi A6 fahren, der der Firma von André W. gehörte. Auf die Frage von Richterin Marion Rauch, ob er dafür etwas bezahlt habe, schüttelt der suspendierte Beamte nur den Kopf. Die Staatsanwaltschaft hatte den geldwerten Vorteil dieser Autoüberlassung mit rund 50 000 Euro berechnet.

Im Gegenzug zeigte sich R. gegenüber André W. mit Daten aus dem Polizeicomputer erkenntlich. In neun Fällen lieferte der Polizist Informationen, die der Sicherheitschef des FCE per SMS bestellte. Dabei ging es nicht nur um die Halterdaten von Fahrzeugen, sondern auch darum, ob über bestimmte Personen polizeiliche Daten vorliegen.

In einem Fall wollte André W. wissen, was sich über den Chef eines anderen Sicherheitsunternehmens in der Polizeidatenbank findet. Die Antwort per SMS kam prompt: "Sachbeschädigung, Körperverletzung 2008, nichts Aktuelles." Auch für einen untergetauchten mutmaßlichen Drogenhändler, den die Polizei gerade intensiv suchte, interessierte sich André W. per Nachfrage bei seinem Polizeifreund. Als Dank für die gewünschten Informationen gab es oft ein Smiley, ein kleines gelbes Lachgesicht per SMS zurück.

R. und W., so schildern beide vor Gericht, kannten sich seit ihrer Jugend. Erst ging Uwe R. zur Volkspolizei, im Frühjahr 1989 folgte André W.. Wenige Jahre später musste W. den Polizeidienst quittieren. "Aber das sollte uns nicht auseinanderreißen", sagt Uwe R. vor Gericht. Ein Satz, der sich auf kriminelle Art bestätigen sollte.

Als Motiv für seinen Geheimnisverrat sagt der Polizist, er habe W. helfen wollen: "Ich wollte ihn unterstützen und dachte, der braucht schnell diese Infos." Warum und wozu, darüber habe er sich keine Gedanken gemacht. Vor Gericht bittet er alle von seinem Datenverrat Betroffenen um Entschuldigung.

Auch André W. bedauert vor Gericht sein Verhalten: "Da sind halt Dinge gelaufen, die man so unter Freunden macht." Die Informationen aus der Polizeidatenbank habe er nicht direkt abgefragt, nur Halterinformationen von Autos. Er habe "Schaden abwenden wollen", weil er durch seine Tätigkeit bei Sportveranstaltungen im öffentlichen Fokus stehe. Gemeint ist damit offenbar der Ordnereinsatz im Stadion der Freundschaft.

Doch auf den FC Energie Cottbus, für den W. seit vielen Jahren der vertraglich gebundene Sicherheitschef ist, wirft dieser Prozess auch ein fragwürdiges Licht. Denn im März 2013 erkundigt sich André W. bei dem korrupten Polizisten nach einer brisanten Ermittlung.

In der Cottbuser Innenstadt war kurz vorher ein Hells Angels Rocker nach einem Streit mit Messerstichen lebensgefährlich verletzt worden. Einer der inzwischen zu langen Haftstrafen verurteilten Täter war Markus W., Kickboxer und laut Verfassungsschutz gefährlicher Neonazi. Außerdem hatte er beste Verbindungen zu rechtsextremen Kreisen in der FCE-Fan-Szene. Ausgangspunkt der blutigen Auseinandersetzung mit dem Rocker war ein Laden in Cottbus, der damals von einem Freund des Kickboxers betrieben wurde. Dessen Vater wiederum war Mitarbeiter des FCE.

André W. schickte damals eine SMS mit der Frage, ob er ihm etwas zu dem Fall sagen könnte und fragte bezüglich des Ladenbetreibers: "Hängt der da mit drin?" Und der Polizist antwortete: "Zurzeit nicht bekannt, am Freitag weiß ich mehr." Dann bestätigte er noch, dass der Ladenbetreiber Kontakt zu dem Kickboxer hatte. Diese Information wurde laut Anklage vom Sicherheitschef an den Geschäftsführer des FC Energie weitergegeben. Damit hat auch der Verein von dem kriminellen Informationsaustausch seines Sicherheits-chefs profitiert.

Staatsanwältin Stefanie Gerhardt hält in ihrem Schlussvortrag beiden Angeklagten vor, sich über das Unrecht ihres Handelns im Klaren gewesen zu sein. Und der finanzielle Vorteil der kostenlosen Autonutzung sei enorm gewesen: "Da hat nicht nur Freundschaft eine Rolle gespielt." Beide hätten sich auch nicht in Notlagen befunden. Für André W. sei die Situation so gewesen, "als habe er den Schlüssel zum Dienstzimmer des Polizisten und den Zugangscode zum Computer" in der Hand gehabt.

Mit zwei Jahren Haft auf Bewährung für den Polizisten entspricht das Gericht im Urteil dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Außerdem muss er rund 50 000 Euro, den Vorteil der Autonutzung, an die Staatskasse zahlen.

André W. wird zu vierzehn Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Er muss zusätzlich 10 000 Euro an eine soziale Einrichtung überweisen. Sein Anwalt Peter-Michael Diestel bestätigt kurz danach auch im Namen der Verteidiger von Uwe R., dass beide keine Berufung einlegen werden. Für den Kriminalkommissar ist die Beamtenlaufbahn damit beendet.

André W. bleibt trotz Verurteilung Sicherheitschef des FC Energie Cottbus. Das erklärte der Verein am Dienstagabend.

Zum Thema:
Sie sollen eigentlich das Gesetz hüten. Manchmal geraten Polizisten aber auch auf Abwege. Einige Beispiele:Februar 2015: Ein ehemaliger Drogenfahnder aus Bayern erhält eine Haftstrafe von sechseinhalb Jahren. Kollegen hatten in seinem Dienstschrank Kokain gefunden. Laut Gericht hatte er außerdem seine Frau gewürgt und vergewaltigt. August 2013: Das Landgericht Düsseldorf verurteilt einen Polizisten wegen anzüglicher SMS-Mitteilungen zu einer Geldstrafe. Er hatte eine angetrunkene junge Frau ertappt, als sie bei Rot die Straße überquerte. Später schickte er ihr Kurznachrichten aufs Handy. Der Mann wird wegen Beleidigung verurteilt, der Vorwurf der Bestechlichkeit kann ihm nicht nachgewiesen werden. April 2012: Das Oberlandesgericht Naumburg (Sachsen-Anhalt) bestätigt in letzter Instanz das Urteil gegen einen leitenden Polizisten wegen Bestechlichkeit. Er hatte unter Einbeziehung einer früheren Verurteilung wegen Betrugs 15 Monate auf Bewährung erhalten. Der verschuldete Mann hatte unter anderem einem Partner Vorteile bei der Vergabe von Polizeiaufträgen verschafft.