Von der U-Bahn-Station führen 29 Stufen eine steile Treppe hinauf ins Tageslicht. Oben angelangt blickt man noch nicht auf eine Stadt, sondern in die grün-braune Landschaft der Colbitz-Letzlinger Heide nördlich von Magdeburg. Unter den Füßen knirscht Heidesand. Etwas entfernt ist eine Altstadt mit grauen Betonbauten zu sehen. Auf einigen prangen rote und braune Dächer. An anderen stehen noch Gerüste, ein Baukran überragt die Siedlung. Inmitten eines der am dünnsten besiedelten Gebiete Europas lässt die Bundeswehr eine Übungsstadt entstehen. Soldaten sollen so auf ihren Auslandseinsatz vorbereitet werden.

Riesige Phantomstadt-Baustelle

Noch ist "Schnöggersburg" eine riesige Baustelle - Wind und Fahrzeuge wirbeln mächtige Staubwolken über dem kargen Land auf. Die U-Bahn mit einem 350 Meter langen Tunnel sowie der künstliche Fluss Eiser mit verschiebbaren Brücken gehören zu den ersten Dingen, die fertig sind. Auch viele der 181 Gebäude in der Altstadt stehen schon.

Der erste Teil von Schnöggersburg - benannt nach einer alten Försterei in der Nähe - soll im Jahr 2017 übergeben werden. Anfang 2018 sollen hier die ersten Soldaten üben. Bis 2020 soll die komplette Übungsstadt mit mehr als 500 Gebäuden samt Hochhäusern, einem Stadion, Flughafen, Elendsviertel und Übungskanalisation fertig sein. Alles auf einem Gelände von etwa zwei mal drei Kilometern. 118 Millionen Euro hat die Bundeswehr für die Kosten veranschlagt.

"Gute Ausbildung sichert Leben"

Wozu diese Geisterstadt mitten in der Heide? "Die beste Lebensversicherung, die wir unseren Soldaten geben können, ist eine gute Ausbildung", sagt der Leiter des Gefechtsübungszentrums des Heeres, Oberst Uwe Alexander Becker. Bislang können die Soldaten auf den offenen Flächen und im Wald mit dem lasergestützten System für Einsätze üben. Jeder Soldat, der in den Auslandseinsatz geht, kommt hier in die Altmark.

"Die Konflikte finden zunehmend in Städten statt", sagt Becker, der selbst auch in Sarajewo und in Afghanistan war. Die Einsatzbedingungen seien sehr komplex - es geht über Dächer, unter die Erde, in die Kanalisation. Meist fehlt der Sichtkontakt zu anderen Soldaten oder Fahrzeugen. Während des Kampfes lebe die Bevölkerung in der Stadt. Der Kampf in Städten gehöre zu den schwierigsten Aufgaben. "Darauf müssen die Soldaten zu ihrem eigenen Schutz und zum Schutz der Bevölkerung vorbereitet werden", sagt Becker. In Deutschland gebe es bislang keine solchen Möglichkeiten. Auch international seien sie rar.

Die Übungsstadt bleibt bei der Simulation. In der U-Bahn-Station fährt keine U-Bahn, die Häuser bleiben im Rohbau - vor vielen Fenstern sind statt Glasscheiben nur Metallplatten angebracht worden, um Tiere oder die Witterung abzuhalten. Auch wenn hier wie geplant 1500 Soldaten üben, soll kein einziger scharfer Schuss fallen, sagt Becker.

Auf dem 30 mal acht Kilometer großen Truppenübungsplatz werden schon seit vielen Jahren Soldaten für Auslandseinsätze ausgebildet, auch ausländische Truppen üben im Gelände.

Dabei wird auf lasergestützte Simulation gesetzt. Scharfe Schüsse sollen auch in "Schnöggersburg" nicht fallen. Es wird so realitätsnah wie möglich simuliert. 600 Soldaten des Ausbildungsverbands sollen dabei Gegner sein für die Übungstruppe, die auf den Einsatz vorbereitet wird. Dabei können die Soldaten als Zivilisten in Siedlungen auftreten oder als gegnerische Kämpfer.

Erste Übungen im Jahr 2018

Im U-Bahn-Tunnel, rund sieben Meter unter Tage, geht das Licht aus. Über Lautsprecher werden die Soldaten mit Gefechtslärm beschallt. Die Truppe wird unterirdisch und unsichtbar für den Feind verlegt. Im Dunklen geht es über die Schotterstrecke. 350 Meter lang. Das könnte ein Szenario sein, das Soldaten in der U-Bahn-Station üben. Ab 2018.

Zum Thema:
Bundeswehrgegner haben in der Vergangenheit immer wieder gegen den Bau der Übungsstadt und die militärische Nutzung der Colbitz-Letzlinger Heide protestiert. Im August drangen laut Medienberichten Teilnehmer auf das Gelände vor und entrollten Plakate. Die Bürgerinitiative Offene Heide demonstriert immer wieder gegen das Projekt.