"Respekt -
persönlich und
politisch.""Ein
Bollwerk der SPD und der Sozialpolitik."
 Edmund Stoiber, CSUKlaus Brandner, SPD


"Respekt" ist das Wort des Tages. Edmund Stoiber, der gestern noch einmal in die Unionsbundestagsfraktion gekommen war, sagt es. Mit dem Zusatz: "persönlich und politisch". Klaus Brandner, arbeitsmarktpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, benutzt es und ergänzt: "Wir wussten ja alle nicht, was er mit sich rumschleppt." Kurt Beck verwendet das Wort und ebenso die Kanzlerin. So tritt ein Großer ab. Franz Münteferings politische Karriere geht an diesem Tag vorläufig zu Ende. Die Große Koalition verliert ihren Vizekanzler. Angela Merkel nennt ihn ein politisches Schwergewicht, mit dem sie gern zusammengearbeitet habe. Müntefering ist der wichtigste Pfeiler des Regierungsbündnisses, auch für die Kanzlerin. Der bricht nun weg.
Es ist ein kalter, sonniger Morgen in Berlin. Nach einer Nacht, in der sich die Koalitionsspitzen gefetzt haben. Niemand ahnt etwas. Nicht SPD-Vize Peer Steinbrück, als er mit Journalisten frühstückt und ihnen seine Sicht des Koalitionstreffens mitteilt. Nicht der CSU-Landesgruppenchef Peter Ramsauer, der zur gleichen Zeit einer anderen Runde erzählt, dass er schon härtere Verhandlungen erlebt hat als die zurückliegenden um Mindestlohn und Arbeitslosengeld I. Morgens wissen von alldem außer Müntefering und seinem Vertrauten, dem Staatssekretär Kajo Wasserhövel, nur zwei etwas: SPD-Chef Kurt Beck und der Fraktionsvorsitzende Peter Struck. Am Montagnachmittag war Müntefering zu Beck ins Willy-Brandt-Haus gekommen. Nach einer Woche, die er in Bonn am Bett seiner schwer krebskranken Frau Ankepetra verbracht hatte. Noch nie hatte Müntefering eine ganze Sitzungswoche des Parlaments verpasst. Nun eröffnete er seinem Parteivorsitzenden, dass seine Frau ihn jetzt brauche. Nach der Operation vor einer Woche komme die Reha. Es gehe nicht mehr. Er könne sein Amt nicht von Bonn aus führen. "Ich muss mich der Aufgabe zuwenden, die jetzt meine wichtigste ist." Beck informierte noch Struck. Sonst niemanden.
Zusammen gehen sie in den Koalitionsausschuss. Und lassen sich dort sieben Stunden lang nichts anmerken. Sogar Merkel erfährt es erst knapp vor der Presse. Ramsauer berichtet, dass man in der Nacht auch an Münteferings Körpersprache nichts habe erahnen können. Gegen zwei Uhr sei es sogar gemütlich geworden im Kanzleramt, man habe noch etwas getrunken und geplaudert. Um 7.19 Uhr hört man den Arbeitsminister noch live im Radio reden. Er ist "empört" über die Blockade der Union gegen den Post-Mindestlohn, wirft ihr Verweigerung vor. Müntefering ist ein "Ausbund an Disziplin", sagte einer seiner Mitarbeiter.
Beck auch. Er lässt Dienstagfrüh eine telefonische Schaltkonferenz des SPD-Präsidiums durchführen. Zu den Ergebnissen des Koalitionsausschusses. Die ganze SPD-Zentrale ahnt nichts. Erst um 10.53 Uhr platzt die Bombe. Da teilt Münteferings Sprecher mit, dass der Vizekanzler noch im November seine Ämter niederlegen wird. "Ausschließlich aus familiären Gründen." Nur sein Bundestagsmandat will er behalten.
Nun überschlagen sich die Gerüchte. An Müntefering hängt die Statik der Großen Koalition. Ist die Krankheit der Ehefrau wirklich der Grund„ Ist das Zerwürfnis in der SPD zwischen Müntefering und Beck viel tiefer, als man dachte“ Wer kommt jetzt„ Wird die Koalition diesen Bruch überstehen“ Das sind die Fragen, die sofort durch die Telefonleitungen schwirren, während FDP-Generalsekretär Dirk Niebel schon die Antworten weiß: "Es werden noch weitere Minister folgen." Eine Meldung, Beck selbst werde Minister und Vizekanzler, wird in Mainz sogleich dementiert. "Das wäre ein Fehler gewesen. Als Vorsitzender habe ich die größeren Spielräume in der Koalition", sagt Beck später.
Dem SPD-Vorsitzenden entgleitet die Situation nicht. Nur ein paar Stunden brauchen er und Struck für die Lösung der Krise. Um 14 Uhr, kurz vor der SPD-Fraktionssitzung, wird das neue Personalpaket bei einem eilends anberaumten Treffen des Parteipräsidiums im Reichstag abgesegnet. Olaf Scholz, der bisherige Fraktionsgeschäftsführer, wird Arbeitsminister. Außenminister Frank-Walter Steinmeier wird Vizekanzler. Die Lösung ist nicht ganz schwer zu finden. Beck hatte mit ihr schon geliebäugelt, als Müntefering ihm vor dem SPD-Parteitag im Streit um das Arbeitslosengeld I offen Widerstand entgegenbrachte und ein Rücktritt aus politischen Gründen in der Luft lag.
Am Nachmittag betreten Beck, Scholz und Steinmeier zusammen mit Müntefering den Fraktionssitzungssaal. Sie posieren für die Kameras. Müntefering hält seinen roten Schal in der Hand. Alle lächeln. Die Abgeordneten schauen dem Schauspiel stumm zu. Beifall brandet erst auf, als Müntefering dann hinter verschlossenen Türen seinen Schritt erklärt.
Manche Parlamentarier hätten geweint, berichtet ein Teilnehmer. Aber Müntefering hat auch einen Trost für sie. Dass er Bundestagsabgeordneter bleiben will. "Ich bin weiter für die Sache der Sozialdemokratie unterwegs." Eine Zwangspause also, kein Totalausstieg. "Ich bin nicht müde." Es gibt stehende Ovationen für ihn. „Es war eine Ausnahmesituation, die ich so noch nicht erlebt habe“ , sagte der Lausitzer Bundestagsabgeordnete Peter Danckert der RUNDSCHAU. „Die ganze Fraktion war von seiner Entscheidung betroffen und vielleicht auch traurig.“ Steffen Reiche, ebenfalls Abgeordneter aus der Lausitz, empfand die Situation ähnlich. „Selten habe ich die Fraktion so ruhig und ergriffen erlebt“ , sagte er der RUNDSCHAU. „In der Sitzung herrschte eine allgemeine Traurigkeit, aber zugleich auch Ver ständ nis und Respekt vor dem Menschen Franz Müntefering und seiner Entscheidung.“
Mitten in der Sitzung geht Müntefering raus, für einen verabredeten Fototermin mit einer Touristengruppe aus Südtirol. Wieder Lächeln. Der Mann hat Nerven.