In diesem Jahr kamen 30 321 Flüchtlinge nach Brandenburg. Aber nur 24 656 wurden dort tatsächlich untergebracht, also 20 Prozent weniger. Etwa 6000 Flüchtlinge sind "einfach verschwunden", wie ein Regierungsvertreter sagte. Vermutlich nach Berlin. "Individuelle Abreisen" ist der offizielle Begriff. Nach Sachsen-Anhalt kamen bis Anfang Dezember 36 411 Personen, doch viele gingen wieder, sodass es nur zu 32 620 tatsächlichen Aufnahmen kam (minus elf Prozent). Danach gab es weitere Fortzüge.

Metropolen ziehen an

Überall ziehen die Metropolen die Flüchtlinge an, weil sie hoffen, dort mehr Hilfe zu bekommen. Und auf dem flachen Land fühlen sie sich nicht wohl, zumal sie dort manchmal von Rechtsextremen angegriffen werden. Ein Teil macht sich auch auf den Weg nach Skandinavien oder Holland.

In Sachsen wurden rund 45 000 Flüchtlinge aufgenommen. Auch hier hieß es, dass viele auf eigene Faust die Lager verlassen. Manchmal, schildert man im Dresdener Innenministerium, stehen Bekannte und Angehörige schon bei der Ankunft neuer Flüchtlinge vor den Erstaufnahmelagern und nehmen sie mit. Ein Sprecher schätzte den Anteil auf bis zu 30 Prozent. Genaue Zahlen habe man jedoch nicht. Auch aus Thüringen - bis vorgestern 26 917 registrierte Flüchtlinge - gibt es massenhaft Abgänge. 20 bis 30 Prozent seien weg, sagte der Sprecher der Migrationsbehörde.

Mecklenburg ist Ausnahme

Die Entwicklung ist auch deshalb problematisch, weil die neuen Länder zumeist ohnehin schon ihre Quoten nach dem Königsteiner Schlüssel nicht erfüllen. Jetzt stellt sich heraus: Es kommen nicht nur weniger, ein Teil bleibt auch nicht lange. Die anderen Länder müssen im Gegenzug umso mehr Flüchtlinge versorgen. Nur Mecklenburg-Vorpommern scheint eine Ausnahme zu sein. Seit Beginn des Jahres wurden in dem Küstenland knapp 21 700 Flüchtlinge aufgenommen. "Es gibt eine Schwundquote", so der Sprecher des Innenministeriums, Andreas Teich. Sie sei jedoch nicht hoch, weil das Land eine schnelle Antragstellung innerhalb von drei Tagen schaffe. Allerdings versuchten die Flüchtlinge, nach der Anerkennung in die Metropolen zu kommen, um dort Arbeit zu finden. Dem will Mecklenburg-Vorpommern jetzt vorbeugen, indem dort frühzeitig die Arbeitsagentur eingeschaltet wird. Man braucht Fachkräfte.

Das Werben dürfte schwerfallen, denn die Flüchtlinge bevorzugen inzwischen ganz bestimmte Regionen in Deutschland für ihren dauerhaften Aufenthalt nach der Erstaufnahme. Das geht aus Karten der Bundesagentur für Arbeit hervor. Die Hälfte der registrierten erwerbsfähigen Personen aus den acht wichtigsten Herkunftsländern lebte demnach im Oktober in nur 33 von 402 Landkreisen, fast alle im Westen und Nordwesten. Die beliebtesten Wohnorte sind demnach das Saarland, die Rhein-Main-Region und weitere Teile Hessens, Nordrhein-Westfalen mit den Schwerpunkten Köln/Bonn, Ruhrgebiet und Ostwestfalen, der Großraum Hannover, Bremen und der Großraum Hamburg. Dazu noch Berlin. In diesen Regionen liegt der Anteil der bei der Bundesagentur registrierten Flüchtlinge deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 26 je 10 000 Einwohner, teilweise bis zu 92. Außer einigen Großstädten wie München, Nürnberg oder Stuttgart ist der gesamte Osten, Süden und Südwesten deutlich unterdurchschnittlich gefragt.

Auch die einzelnen Nationalitäten haben Schwerpunktregionen. So ziehen zum Beispiel fast alle Afghanen in den Großraum Hamburg, nach Hannover und ins Rhein-Main-Gebiet. Die Syrer gehen überwiegend nach Ostwestfalen, Bremen, in das Ruhrgebiet, das Saarland und die Eifel. Iraker sind am häufigsten in Bielefeld, Oldenburg/Delmenhorst, Hannover und in süddeutschen Großstädten zu finden. Iraner verteilen sich zu mehr als 50 Prozent auf nur neun von 402 Kreisen, vor allem nach Köln, Hannover, Bremen, Hamburg und Berlin. Pakistani zieht es Richtung Südhessen.

Hintergrund ist, dass viele Flüchtlinge bevorzugt dorthin wollen, wo schon Landsleute sind.