Schafft das fragile Bündnis in den nächsten Monaten die notwendigen Reformen? Es wird kein Frühlingsspaziergang werden für Schwarz-Rot. "Die Diskussionen werden offener, damit rechnen wir", heißt es milde aus dem Fraktionsvorstand der Union. Das ist eine nette Umschreibung dessen, wovon CDU/CSU und auch SPD wirklich ausgehen: Nach dem Wahlsonntag in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt ist Schluss mit den großkoalitionären Rücksichtnahmen, dann wird der Umgangston schlagartig rauer werden. Die ersten Vorboten des Klimawandels waren in den letzten Tagen schon zu vernehmen: Im Fernkampf trugen die Parteien per Interviews ein ganzes Bündel an Konflikten aus. CSU-Landesgruppenchef Peter Ramsauer warnt: "Wenn weiter rumgezündelt wird, kann schnell die ganze Hütte brennen."

Beide Partner verfolgen eigene Ziele
Aus gutem Grund hebt der Bayer mahnend den Finger: Die Zahl der Baustellen, auf denen beide Partner mit unterschiedlichem Handwerkszeug eigene Ziele verfolgen, wächst. Beispiele: SPD-Chef Matthias Platzeck und Fraktionschef Peter Struck wollen die Föderalismusreform wieder aufschnüren, weil ihnen die SPD-Fraktion von der Fahne zu gehen droht. Allerdings gibt es auch in der Union solche Stimmen. Ein Spiel mit dem Feuer: Würde der mühsam ausgehandelte Kompromiss zwischen Bund und Ländern neu verhandelt, wäre das gesamte Projekt wohl wieder zum Scheitern verurteilt - ein Debakel für die gesamte politische Kaste.
Auch die Energiepolitik birgt erhebliches Streitpotenzial. CDU-Fraktionschef Volker Kauder und Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) beharren auf längeren Laufzeiten der Atommeiler, SPD-Umweltminister Sigmar Gabriel und die Genossen insgesamt halten dagegen. Der Atomausstieg ist ein Meilenstein rot-grüner Politik gewesen; diesen historischen Erfolg will man sich von der Union nicht kaputt machen lassen. Beim Energiegipfel Anfang April im Kanzleramt könnte es also zum großen Knall kommen.

Alleingänge schaden nur
Hochgradige Kontroversen finden sich ebenso beim Thema Gesundheitsreform. Zwei Konzepte liegen auf dem Tisch, die sich nicht vereinbaren lassen. Dass Ministerin Ulla Schmidt (SPD) ohne Abstimmung mit dem Koalitionspartner bereits erste "Versuchsballons" gestartet hat, wird mit Kopfschütteln bedacht. "Solche Alleingänge schaden doch nur", mosert ein Unionist. Demgegenüber beharren die Schwarzen trotz Warnungen aus der SPD darauf, beim Kündigungsschutz über den Koalitionsvertrag hinausgehen zu wollen. Definitiv sei das mit ihm nicht zu machen, kontert Arbeitsminister Franz Müntefering (SPD).
Unterschiedlich sind darüber hinaus die Auffassungen bei den Themen Innere Sicherheit und Zuwanderung. Der Zoff um die Einbürgerungstests ist nur ein Vorgeschmack. Die Hardliner in der Union wollen am liebsten das Zuwanderungspaket gänzlich wieder aufmachen. Hinzu kommen viele kleine Brände auf Ebene der Fachpolitiker. "In den Ausschüssen", erzählt ein Grüner feixend, "kann man den Eindruck haben, es gibt die Koalition gar nicht, so fetzen die sich."
Kanzlerin Angela Merkel weiß dies. Und sie spürt den öffentlichen Druck, dass jetzt innenpolitisch gepunktet werden muss. Die Konfliktlinien, die dabei durchs Kabinett verlaufen, gelten als beherrschbar, wie es aus Merkels Umfeld heißt. Viel mehr Sorge macht sich die Kanzlerin über die Lage in den Fraktionen. Dort hat sich auf beiden Seiten nach nur vier Monaten schwarz-roter Koalition jede Menge Unmut aufgestaut. "Das wird der Dreh- und Angelpunkt", schwant einem Koalitionär nichts Gutes.