E r kämpfte bis zum Schluss um das höchste Staatsamt. Doch dann ließ die sonst so gefügige Fraktion der rechten Regierungspartei Fidesz (Bund Junger Demokraten) den ungarischen Präsidenten Pal Schmitt hängen. Selbst sein Förderer, der sonst allmächtig scheinende rechts-konservative Ministerpräsident Viktor Orban, machte ihm achselzuckend klar, dass er nichts mehr für ihn tun könne. So reichte Schmitt am Montag schließlich den Rücktritt ein und ersparte dem Land weitere quälende Diskussionen.

Der ehemalige Olympiasieger im Mannschaftsfechten stand mit seiner Wahrnehmung längst isoliert da. Was ihm als sportlicher Kampfgeist erschien, war für die Außenwelt längst schon eine unwürdige Übung, die sich in Kleinreden von schweren, längst erwiesenen Plagiatsvorwürfen erschöpfte.

"Mein Gewissen ist rein", meinte der Mann, der mindestens 197 Seiten seiner 215 Seiten starken Dissertation über die Geschichte der olympischen Bewegung von anderen Autoren abgeschrieben hatte. Doktorväter und Prüfkommission seiner damaligen Universität hätten keine Einwände erhoben, verteidigte sich Schmitt. Hätte er tatsächlich die ihm zur Last gelegten Sünden begangen, dann hätte er selbst keine Schuld daran, erklärte der Präsident am Montag, bevor er den befreienden Satz aussprach: "Ich gebe mein Mandat zurück."

Den von Orban geführten Fidesz betrachten viele Kritiker in Ungarn als einen Kasernenhof, in dem eiserne Disziplin herrscht, in dem der Oberkommandierende die Anweisungen über eine klar definierte Befehlskette ausgibt. Bis zum Wochenende hielt Orban an Schmitt fest, den er 2010 ins Amt gehievt hatte und der ihm als williger Gegenzeichner zahlloser fragwürdiger Gesetze unschätzbare Dienste erwiesen hatte. Doch als die moralische Krise um Schmitt unerträglich wurde, geschah im Kasernenhof bisher Unerhörtes: die Parteisoldaten begannen zu murren, ja sogar ihre Stimme zu erheben.

Vor allem Journalisten der zum Fidesz-Geschäftsimperium gehörenden Medien wollten sich nicht mehr an die vorgegebene Linie halten. "Nur wenn Pal Schmitt zurücktritt, werden das öffentliche Leben und die politische Kultur jenen Weg beschreiten können, der dem heute noch vorherrschenden Bild eines Landes ohne Konsequenzen ein Ende bereitet", schrieben vier führende Fidesz-nahe Web-Seiten am Wochenende in einem gemeinsamen Posting.

Aber auch das akademische Umfeld der Partei rebellierte. Nicht zuletzt besteht der Senat der Budapester Semmelweis-Universität, der am Donnerstag Schmitt den Doktortitel entzog, mehrheitlich aus konservativ gesonnenen Professoren. Doch der Ruf ihrer Alma mater war ihnen in diesem Fall wichtiger als die Loyalität zu einem Akteur des eigenen politischen Lagers.

Für Orban ist das ruhmlose politische Ende Schmitts ein Warnzeichen. Zum ersten Mal musste er jemanden fallenlassen, dessen einzige Qualität darin bestand, seinen politischen Machtambitionen rückhaltlos zu dienen. Beobachter verweisen auf Schlüsselfiguren in Orbans Regierung wie den Wirtschaftsminister György Matolcsy, den strammen Kämpfer gegen Multis und IWF, oder die Unterrichts-Staatssekretärin Rozsa Hoffmann, die das Schulsystem auf einen nationalistisch-klerikalen Kurs zwingt. Sie sind fast ähnlich umstritten wie Schmitt, genießen bislang aber Orbans vorbehaltloses Vertrauen. Eine abgeschriebene Dissertation ist ihnen freilich nicht nachzuweisen .