. Hans Szonn hat nicht darüber geredet, was er in den letzten Apriltagen des Jahres 1945 erlebt hat. Gegenüber seinen Jugendfreunden gleich nach dem Krieg nicht und später in der Lehre nicht, weil er sich damit nicht habe „dicketun“ wollen, sagt der 78-Jährige. Er habe das verdrängt. „Aber die Bilder habe ich bei jedem kleinen Anlass sofort wieder glasklar vor Augen, als wäre es gestern gewesen.“

Flucht vor der Front

Hans Szonn war zwölf Jahre alt, als der Krieg zu Ende ging. Aus Angst vor der anrückenden russischen Front machten sich seine Mutter, Tante und Onkel zusammen mit ihm am 19. April 1945 von Cottbus aus mit Fahrrädern auf die Flucht in Richtung Nordwesten. Der Onkel blieb verletzt nach einem Fliegerangriff im Spreewalddorf Straupitz zurück.

Die flüchtenden Zivilisten folgten in diesen Tagen den Wehrmachtseinheiten, in der Hoffnung, die Soldaten würden den besten Weg nach Westen finden, um der anrückenden Front zu entkommen. Hans Szonn, seine Mutter und Tante führte dieser Weg direkt in das Inferno der Kesselschlacht von Halbe.

In den Wäldern zwischen Halbe und Märkisch Buchholz hatte die Rote Armee in diesen Tagen mehr als 50 000 deutsche Soldaten und etwa ebenso viele umherirrende Zivilisten, Flüchtlinge und Zwangsarbeiter eingekesselt. Ein Kapitulationsangebot der Russen lehnten die deutschen Befehlshaber ab. Sie wagten nicht, sich den Durchhaltebefehlen aus Berlin zu widersetzen, um das Leben der Eingeschlossenen zu schonen.

Nach zwei vergeblichen Ausbruchsversuchen, entkamen 25 000 Soldaten und etwa 5000 Zivilisten dem Kessel. Die Soldaten gingen statt in russische in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Der Preis dafür waren 60 000 Tote.

Drei der aus dem Kessel entkommenen Zivilisten waren Hans Szonn, seine Mutter und seine Tante. Kreuz und quer waren sie mit den Soldaten vorher im Wald umhergeirrt. „Gespenstische Märsche, brennende Autos wie Fackeln am Wegesrand, tote Menschen und Pferde und überall Verwesungsgeruch“, so beschreibt Szonn die Situation.

Manchmal sei er vor Müdigkeit über seinem Fahrradlenker eingeschlafen, wenn der Tross zum Stehen kam. Wenn sich die Kolonne dann wieder in Bewegung setzte und er hochschreckte, verlor er Mutter und Tante immer wieder kurz aus den Augen. „Mit Mutti-, Mutti-Rufen und Tränen in den Augen habe ich sie gesucht“, erinnert sich Szonn.

Scharfschützen im Wald

Der damals Zwölfjährige sah, wie nur wenige Meter neben ihm ein Soldat wegen angeblicher „Feigheit vor dem Feinde“ von einem Feldgendarmen erschossen wurde. In einem zum Notverbandsplatz umfunktionierten Wildkeller einer Försterei saß er zwischen Menschen mit blutigen Verbänden, die vor Schmerzen schrien.

Als der Cottbuser wieder einmal seine Mutter kurz aus den Augen verloren hatte und heulend herumlief, sah er plötzlich rechts und links neben sich Soldaten tot niedersinken. „Da waren russische Scharfschützen im Wald neben uns“, erinnert sich Hans Szonn. Soldaten hätten ihn dann hinter ein Auto gezerrt und ihm damit vermutlich das Leben gerettet.

Nach dem Ausbruch aus dem Kessel lief der Zwölfjährige mit Mutter und Tante „wie in Trance“ etwa 30 Kilometer bis nach Sperenberg. Dort trafen sie auf die Rote Armee. Wie er dann innerhalb von vier Tagen mit seinen Angehörigen wieder nach Cottbus zurückgekommen ist, weiß er nicht mehr.

Suche nach Orten der Erinnerung

Wenige Wochen nach Kriegsende, erzählt Szonn, habe er in Cottbus mit seinen Kumpels schon wieder mit Fundmunition gespielt. „Das ist mir heute unerklärlich, wie ich das konnte, nach dem, was ich gesehen hatte.“ Erst viele Jahre später, noch zu DDR-Zeiten, fuhr er in die Gegend um Halbe, um die Orte seiner Erinnerung zu finden. Anfang der 90er-Jahre hat er noch mal eine mehrtägige Radtour dort unternommen.

Die Neonaziaufmärsche vergangener Jahre in Halbe hat Hans Szonn mit Widerwillen zur Kenntnis genommen: „Ich hasse das alles wie die Pest.“ Den Heranwachsenden müsse man sagen, was damals wirklich gewesen ist.

Mit seinen eigenen Kindern hat er aber auch nicht über die Erlebnisse im Kessel von Halbe gesprochen. Warum? Hans Szonn zuckt die Schultern. Inzwischen hat der rüstige Rentner angefangen, seine Memoiren zu schreiben. Auf Seite 150 ist er inzwischen angelangt. Die Tage im Wald von Halbe füllen ein eigenes Kapitel.