Die Uhr am Werkstor zählt: Bis zur angekündigten Schließung des Bahnwerkes in Eberswalde nordöstlich von Berlin sind es noch 387 Tage. Ende 2016 will die Bahn das Werk aufgeben. Am Freitag bot der Konzern nach einem Spitzengespräch dem Land Brandenburg allerdings an, den Betrieb zur Reparatur von Güterwaggons zu kaufen - für einen symbolischen Euro. Mindestens 200 Beschäftigte könnten so übernommen werden. Das Land könnte das Werk weiterverkaufen - zwei potenzielle Investoren gibt es.

Ein Hoffnungsschimmer für die Belegschaft. Die Mitarbeiter ringen seit Bekanntgabe der Schließungspläne des Konzern um den Erhalt der Arbeitsplätze an dem traditionsreichen Standort. Plakate vor dem Werkstor in Eberswalde (Barnim) künden davon. „Was ist mit der Zukunft unserer Kinder?“, heißt es etwa. Mit der Bahn sterbe auch Eberswalde, hört man außerdem.

In der rund 40 000 Einwohner zählenden Stadt eilen die Menschen über Straße und Plätze. Einen Weihnachtsmarkt im Zentrum gibt es nicht, der Adventsmarkt ist schon vorbei.

Die meisten Leute möchten nicht auf das Thema angesprochen werden. Ein 59-Jähriger sagt dann doch was. „Ich finde es sehr schade, dass das Bahnwerk bedroht ist.“ Bis 1994 habe er selbst zur Belegschaft gehört, als Elektriker. Das Werk sei neu, Millionen seien investiert worden, erzählt er. Ein Gastronom berichtet, dass er kaum etwas zu dem Thema höre, nicht nur, weil die Arbeiter nicht mehr in ihre Kneipen gingen wie früher. „Das Flüchtlingsthema ist allen viel näher. Wie viele kommen und schaffen wir das - das treibt die Leute wirklich um.“

Trotz der nun neuen Kaufoption sagt der Betriebsratsvorsitzende Ulf Boehnke: „Wir kämpfen weiter, dass das Werk erhalten bleibt.“ Die Belegschaft hätte gern gesehen, dass das Werk beim Bahn-Konzern bleibt. „Das war unser Anliegen.“ Nun habe das Land die Möglichkeit, mit den beiden Investoren zu sprechen. „Für uns ist das die Chance, den Standort zu erhalten.“

Der Betriebsrat hatte ein Konzept zum Erhalt des Werks vorgelegt, die Bahn lehnte es ab. Aus Angst vor der Ungewissheit sah sich ein Teil der Belegschaft nach anderen Jobs um, rund 350 Mitarbeiter seien noch in Eberswalde. Zuvor waren es 500. „Viele sind zur S-Bahn nach Berlin gegangen“, wie Boehnke sagt. Da die Auftragsbücher bis Ende 2016 gut gefüllt seien, seien jetzt auch Leiharbeiter und Beschäftigte aus einem anderen Bahnwerk im Einsatz.

Seit mehr als 130 Jahren werden in Eberswalde Waggons repariert. Wie an anderen Industriestandorten auch sind komplette Familien mit dem Arbeitgeber verbunden. „Opa, Mutter und ich - drei Generationen“, berichtet der Betriebsratsvorsitzende von seiner Familie. Der Großvater sei Schlosser gewesen, die Mutter habe in der Verwaltung gearbeitet. Er selbst habe als Schweißer im Werk angefangen, vor 28 Jahren.

In der Stadt sind derzeit nach Auskunft der Arbeitsagentur rund 2800 Menschen ohne Beschäftigung. Über Jahrzehnte galt Eberswalde als starke Industrieregion: Walzwerk, Kranbau, Rohrleitungsbau, Schlachthof - alles zusammen brachte Tausende in Arbeit. Nach der politischen Wende jedoch brachen Wirtschaftsstrukturen zusammen, machten Betriebe dicht oder speckten drastisch ab, wie eine Stadtsprecherin erläutert.