Als Konsequenz müsse die Lehrerbildung sowie die Unterrichtsqualität dringend verbessert werden, sagten gestern Vertreter der Kultusministerkonferenz (KMK) bei der Vorstellung einer deutschen Pisa-Nachfolgestudie. Danach lernen etwa 40 Prozent der Schüler in der 10. Klasse im Mathe-Unterricht nichts hinzu, in den Naturkundefächern macht mehr als die Hälfte der Jugendlichen keine Fortschritte. Dies sei ein "dramatisches Ergebnis" mit Handlungsbedarf.

Sogar sinkende Leistungen
Das Problem sei, dass eine relativ große Schülergruppe in ihren Leistungen stagniere oder sogar absinke, betonte der Leiter des deutschen Pisa-Konsortiums Prof. Manfred Prenzel. Andere Staaten machten einen besseren Unterricht, sagte er zum miserablen Abschneiden Deutschlands im internationalen Pisa-Vergleich.

Kritik an den Lehrern
Die individuelle Förderung aller Schüler müsse verbessert und ein längeres gemeinsames Lernen ermöglicht werden, sagte Wolfgang Meyer-Hesemann für die SPD-regierten Bundesländer. Eine Überprüfung der Stundentafeln und Lehrpläne sei erforderlich, sagte Josef Erhard für die unionsregierten Länder. Die beiden Amtschefs aus den Kultusministerien von Schleswig-Holstein und Bayern äußerten sich enttäuscht und ratlos darüber, dass trotz jahrelanger Reformbemühungen in Mathematik nach der TIMS-Studie 1997 rund 80 Prozent der Lehrer die Debatten unbekannt seien. "Das ist nicht sehr schmeichelhaft für den Berufsstand", sagte Meyer-Hesemann.
Für die deutsche Sonderstudie wurden 4353 Schüler in 194 Klassen verschiedener Schulformen - ohne die Hauptschule - am Ende des 10. Schuljahres erneut in Mathematik und Naturwissenschaften getestet, die auch schon als Klassenverband am Ende der 9. Klasse an Pisa 2003 teilgenommen hatten. Die Zusatzstudie sollte über die Lernzuwächse der 15-Jährigen in einem Schuljahr sowie Bedingungen für Lernen informieren. Daher wurden auch Eltern und Lehrer befragt.

Elf Prozent ohne Verbesserung
Der Studie zufolge konnten zwar rund 60 Prozent der Schüler in Mathematik ihre Leistungen deutlich verbessern. Dies betrifft sowohl die vom Lehrplan geforderten Kompetenzen als auch die mathematische Grundbildung. Zugleich brachte der Mathe-Unterricht elf Prozent der getesteten ganzen Klassen aber praktisch nichts. In Biologie, Chemie und Physik konnten nur 44 Prozent der Schüler ihre Kompetenzen steigern. Bei fast einem Fünftel (19 Prozent) fallen die Ergebnisse sogar deutlich schlechter aus als ein Jahr zuvor.

Leistungsbasis ohne Einfluss
Insgesamt haben sowohl gute als auch schlechtere Schüler ihre Leistungen verbessern können; in beiden Gruppen gab es aber auch Absacker. Hauptschüler sowie Sitzenbleiber und damit leistungsschwächere Schüler wurden nicht in die Studie einbezogen. Die Bundestagsfraktion der Grünen forderte, die Pädagogen besser für die individuelle Förderung der Schüler auszubilden.

GEW hinterfragt Schulsystem
Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) warf den Kultusministern vor, keine Lösungsstrategien aufzuzeigen. Sie sollten sich der Frage stellen, welche Auswirkungen das gegliederte Schulsystem für das Berufsverständnis der Lehrkräfte habe, sagte GEW-Schulexpertin Marianne Demmer.
Die Pisa-Studien der in Paris sitzenden Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) untersuchen die Kenntnisse 15-jähriger Schüler in Lesen, Mathematik, Naturwissenschaften und Problemlösen. (dpa/ab)