Eine Wohnung in Dresden-Friedrichstadt – gestern Vormittag. Der in Dresden lebende 23-jährige Iraker Mazin Zuzu verfolgt zusammen mit seiner Familie die Berichterstattung von Al Dschasira über den Krieg in der Heimat.Als die ersten Bomben fielen, hat seine Mutter Basima geweint. Dann kommt die Erinnerung an den Golfkrieg von 1991 zurück. „Krieg ist Blut, Tod und Angst“, zählt Mazin Zuzu auf. Er sei mit dem Krieg aufgewachsen und kann sich noch gut an die ständige Dunkelheit und Unsicherheit erinnern. „Wir wussten ja nicht, wo die nächsten Bomben einschlagen werden“, erzählt der Bagdader. Deshalb kann er nachvollziehen, was seine Freunde und Verwandten in der Heimat jetzt durchmachen. „Meinen besten Freund kann ich seit vorgestern nicht mehr erreichen“, sagt er besorgt. In der Telefonleitung rauscht es nur. „Krieg ist keine Lösung“, sagt Mazin Zuzu mit fester Stimme.

Alles zurückgelassen
„Wir haben alles zurückgelassen“ in Bagdad, erzählt der junge Mann, der inzwischen gut Deutsch spricht. Seine Familie gehört der assyrischen Minderheit im Irak an, die etwa drei Prozent der Bevölkerung bildet. In Bagdad gehörten sie zur Oberschicht, besaßen ein Haus und einen Im- und Export-Handel für Kurzwaren. Jetzt lebt die Familie in einer kleinen Wohnung in der Dresdner Friedrichstadt. Der Vater ist gerade arbeitslos geworden.
Für den Sohn, einen jungen Res- taurantfachmann hat sich zumindest ein Traum erfüllt: „Ich lebe in einer Demokratie und kann meine Meinung frei äußern.“ Deshalb hat Mazin Zuzu am Donnerstagabend in Dresden gegen den Krieg in seiner Heimat mit demonstriert. Bei einer Kundgebung bat er vor 8000 Menschen, den Krieg zu stoppen. Im Gespräch zeigt er sich kritisch: „Die USA sind neue Besetzer, nur Demokratie kann aber eine endgültige Lösung sein.“ Der Krieg schade nicht dem Diktator, sondern dem irakischen Volk.
Diese Sorgen und Neuigkeiten diskutiert der ernste, dunkelhaarige Mann gemeinsam mit den etwa 500 anderen Irakern, die in Dresden leben. Regelmäßig treffen sie sich im Haus des Ausländerrates, des Irakischen Kulturklubs oder privat. Jetzt wollen sie aus diesem engen Kreis heraustreten und die Deutschen über die Situation in ihrem Heimatland informieren.
Erst wenn Saddam Hussein abgesetzt ist und die irakische Bevölkerung frei wählen kann, würde Mazin Zuzu vielleicht nach Bagdad zurückkehren. Seine Schwester Athoor kuschelt sich an ihn. „Aber in Dresden haben wir eine zweite Heimat gefunden“, sagt Mazin.

Betroffenheit auch in Berlin
Auch Tarek Taha kann nicht schlafen, weil in seiner Heimat Krieg ist. Und so sieht der ältere Herr mit dem grauen Haar und dem karierten Jackett müde aus. Seine blauen Augen aber funkeln. „Ich bin wütend“, sagt der Iraker und holt tief Luft. „Die ganze Welt hat diesen Diktator unterstützt.“ Nun ist der Krieg da, und die Bomben fallen. Den Irakern in Berlin bleibt wie auch in Dresden nicht viel anderes übrig, als mit ihren Verwandten in der Heimat zu telefonieren oder Nachrichten zu sehen. Gegen Sorgen und Angst aber hilft das nicht viel.
Auch Ahmed Hassan war gestern Morgen in den Kulturverein Al-Rafedain in Neukölln gekommen. In der Ecke im Gemeinschaftsraum läuft der Fernsehsender mit den roten Eilmeldungen. Hassan schaut durch seine Brille ins Leere und überlegt, bevor er Worte dafür gefunden hat, wie er sich am Tag Zwei des Krieges fühlt. Hass spürt er, auf Saddam, „der das Land so ruiniert hat“, und „Unmut und Ablehnung“ gegenüber US-Präsident George W. Bush. „Nein zum Krieg – Nein zum Diktator“, steht dazu passend auf Zetteln an der Wand.
Am Donnerstagabend war Ahmed Hassan einer von 70 000 Menschen, die zur großen Friedensdemonstration auf dem Alexanderplatz gegangen sind. Ihm tut es gut, die Solidarität zu spüren. Am Morgen war dann sein erster Gedanke, was wohl in den letzten Stunden passiert sein mag. Auch er macht sich Sorgen um seine Verwandten. „Ich weiß nicht viel“, sagt Hassan. Am Telefon könnte jemand mithören, das wissen die Iraker.
„Grausam“ findet der 68-Jährige diesen dritten Krieg, der seine Heimat in einem Vierteljahrhundert heimsucht. Auch wenn er – wie wohl die Mehrheit seiner 2800 Landsleute in Berlin – gegen Saddam ist, will er nicht, dass die Amerikaner und Briten eingreifen. „Er ist nicht der erste Diktator“, meint Hassan „und wird nicht der letzte sein.“ Stolz wirkt er, wenn er über die Deutschen und ihren Anti-Kriegskurs spricht. „Sie haben es gut verstanden, die Erfahrungen der Geschichte zu verinnerlichen und entsprechend zu handeln.“

Medienansturm im Kulturzentrum
Tarek Taha und Ahmed Hassan sind froh, dass der Kulturverein in Berlin gerade jetzt ein wichtiger Treffpunkt von Irakern geworden ist. Auch mit Journalisten sprechen sie gern; das Telefon klingelt ständig. Im Nebenzimmer gibt Susan Ahmed, eine Mitarbeiterin des Vereins, geduldig Interviews. Zur Routine ist das Reden über den Krieg aber noch lange nicht geworden. „Ich bin sehr, sehr verzweifelt“, sagt sie. Am Morgen konnte sie mit ihrem Bruder in Bagdad telefonieren, das scheint sie ein bisschen beruhigt zu haben.
Wer aus dem Irak kommt, gilt in diesen Tagen schnell als Stimme seines Landes. Das behagt nicht allen – auch nicht der in London lebenden Exil-Irakerin Jananne Al-Ani, die derzeit zur Ausstellung „DisOrienTation“ in Berlin ist. Junge Künstler aus Nahost zeigen im Haus der Kulturen der Welt mit Installationen, Video- und Fotoarbeiten einen Orient jenseits von Folklore und Klischees. Al-Ani sieht es mit gemischten Gefühlen, wenn ihre Werke jetzt noch mehr Aufmerksamkeit bekommen. „Die Situation ist extrem deprimierend“, sagt sie. Und: „Dies ist der Anfang einer noch schlimmeren Zeit für das irakische Volk.“

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