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"Schkola" im Dreiländereck

Zittau. Aus einer Elterninitiative ist die "Schkola" in Zittau entstanden. Frontalunterricht gibt es nicht, stattdessen Tschechisch, Polnisch und Begegnungstage mit den Nachbarn. Das Konzept geht auf. Christiane Raatz

Vor Richard und Jakub türmen sich bunte Tücher. Daraus sollen sie eine Landschaft formen. Schnell werden sich die beiden einig, legen einen blauen Fluss, grüne Felder - und in der Mitte thront ein Berg. Deutsche und tschechische Worte schwirren durch die Luft. Richard packt ein weißes Tüchlein auf die Spitze. "Das ist die Lausche, auf der liegt noch Schnee." Jakub lacht und nickt. Die Lausche, den höchsten Berg des Zittauer Gebirges, kennen beide gut. Direkt über dem Gipfel verläuft die deutsch-tschechische Grenze.

Ein besonderes Konzept

"Unser Konzept ist schon besonEinmal pro Woche treten die beiden Jungen gemeinsam mit ihren Klassen einen kurzen Fußmarsch über die grüne Wiese an, um in Zittau eben jene Grenze zu überqueren. Dann treffen sich die Neunjährigen zum Begegnungstag - entweder in der "Schkola" in Zittau oder in der Partnerschule auf tschechischer Seite. Heute stehen die vier Elemente auf dem Programm: Gemeinsam werden Vulkane gebastelt, Autos gebaut und mit Hilfe von Ventilatoren angetrieben - gesprochen wird deutsch und tschechisch. Die Lehrer springen von Sprache zu Sprache.

ders", sagt die Geschäftsführerin der "Schkola"-GmbH, Ute Wunderlich. An den "Schkola"-Schulen im Dreiländereck von Deutschland, Tschechien und Polen steht von der 1. Klasse an Polnisch oder Tschechisch auf dem Stundenplan. Auf Frontalunterricht wird verzichtet: Die Kinder lernen in altersgemischten Gruppen von der 1. bis zur 3. Klasse. Paten helfen sich gegenseitig beim Lernen, das meiste erarbeiten sich die Kinder selbst - mithilfe der Lehrer.

Zum Netz des freien Schulträgers gehören neben einer Kita und einer Begegnungsstätte sechs freie Schulen in der Oberlausitz - dazu zählen drei Grundschulen, zwei Mittelschulen und ein Gymnasium. Standorte sind unter anderen Zittau, Jonsdorf oder Ostritz. "Zunächst geht es darum, sich überhaupt zu begegnen, Ängste abzubauen", erzählt Wunderlich. Sie weiß, dass das Zusammenleben im Dreiländereck nicht immer einfach ist - es gibt viele Vorurteile. "Es wird geklaut, das muss man auch nicht totschweigen, da muss man offen damit umgehen."

Die Schule will den Kindern vermitteln, dass es eben nicht "die Tschechen" oder "die Deutschen" gibt, sondern dass es immer Einzelne sind. Wunderlich ist sich sicher, dass es noch Jahre dauert, bis die Region wirklich zusammenwächst. "Unsere Mission ist nicht, dass wir das predigen, sondern es einfach machen", sagt sie.

Gegründet wurde die "Schkola" 1995 als Elterninitiative, die damals die erste freie Mittelschule Ostsachsens ins Leben rief. Der Grundgedanke: Ein bilinguales Konzept und gemeinsamer Unterricht mit polnischen und tschechischen Schülern. "Das wurde aber nicht genehmigt", so Wunderlich. Deshalb gibt es bis heute den wöchentlichen Begegnungstag. Finanziert wird die Schule über Landes- und Fördermittel; die Eltern zahlen rund 60 Euro im Monat.

Die Sächsische Bildungsagentur (SBA) spricht von einer "Rosine" der Bildungslandschaft im Freistaat und lobt das ungewöhnliche Konzept der "Schkola". Auch anderswo entlang der Grenze gibt es internationalen Unterricht: So können am Augustum-Annen-Gymnasium in Görlitz deutsche und polnische Schüler ab der 7. Klasse gemeinsam in einer binationalen Klasse lernen. Nicht nur Sprache, auch Kultur und Geschichte des Nachbarlandes stehen auf dem Lehrplan. Am Friedrich-Schiller-Gymnasium in Pirna können Schüler aus Deutschland und Tschechien ein gemeinsames Abitur ablegen, das in beiden Ländern anerkannt wird.

Lehrer aus vielen Ländern

Nach Einschätzung von Ute Wunderlich müsste es gerade im Dreiländereck noch viel mehr grenzübergreifende Angebote im Bildungsbereich geben. Denn das internationale Konzept geht auf: Die "Schkola"-Schulen verbuchen wachsenden Zulauf. Im laufenden Schuljahr werden insgesamt 517 Kinder von 71 Lehrern unterrichtet. Bei der Gründung der bilingualen Einrichtung vor 20 Jahren waren es erst 56 Schüler und fünf Lehrer. Wunderlich: "Der Zuspruch ist groß, die Warteliste lang." Auf einen Platz kommen zwei bis drei Anmeldungen.

Auch das Kollegium ist bunt gemischt, unter anderen mit Lehrern aus Tschechien und Amerika. Stephan DiCara kommt aus den USA, lebt in Tschechien und unterrichtet an der "Schkola" in Zittau Englisch. Grenzen zwischen den Kulturen zu überwinden, sei für ihn ganz normal, sagt der Lehrer. "Die Kinder sehen, dass ich mit den drei Sprachen klarkommen muss und dass ich auch Fehler mache." Letztlich zähle aber nur eins: miteinander reden.