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| 01:02 Uhr

Schiiten drängen an die Urnen

Wenige Tage vor der Parlamentswahl im Irak hat sich US-Präsident George W. Bush im arabischen Fernsehen direkt an das irakische Volk gewandt und für eine rege Beteiligung geworben. Die Wahl sei eine „historische Chance“, eine eigene Regierung zu bestimmen, sagte Bush dem arabischen Fernsehsender El Arabija. Er appellierte an alle Iraker, am Sonntag „wählen zu gehen und den Terroristen zu zeigen, dass sie den Marsch zur Freiheit nicht aufhalten können“. Er drückte den „mutigen Irakern“, die auf dem Weg zur Demokratie voranschreiten wollten, seine Hochachtung aus. Von Samy al-Dschumaili und <br> Anne-Beatrice Clasmann

Die Angst vor Anschlägen lässt viele Iraker in Bagdad und den Städten des "sunnitischen Dreiecks" zögern, zur Wahl zu gehen. Ganz anders ist es im schiitischen Kernland: Hier fürchtet mancher Bewohner von Nadschaf oder Kerbela, dass er von Nachbarn und Predigern als "Ungläubiger" diffamiert wird, falls er seine Stimme nicht abgibt. Schließlich hatten schiitische Religionsgelehrte aus dem Umfeld von Großajatollah Ali al-Sistani den Urnengang zur religiösen Pflicht erklärt, die "noch wichtiger ist als Fasten und Gebet".

Furcht vor göttlicher Bestrafung
Und in einer Region, wo religiöse Fanatiker mit den "Ungläubigen" oft kurzen Prozess machen, ist dies ein Etikett, das niemand gerne trägt. Einige fromme Schiiten mit geringer Bildung fürchten sich außerdem vor einer göttlichen Bestrafung.
"Ich will nicht wählen, aber ich habe das Gefühl, dass ich in Gefahr sein werde, wenn ich es nicht tue", meint die 55 Jahre alte Fatma Alwan aus Kerbela. Einer ihrer Söhne hatte sich der Miliz des radikalen Schiiten-Predigers Muktada al-Sadr angeschlossen und war im Mai 2004 getötet worden. Auch der 59-jährige Dschasim Nasr aus der benachbarten Pilgerstadt Nadschaf fühlt sich gezwungen, zur Wahl zu gehen. "Ich werde wählen, weil Sistani gesagt hat, dass man wählen soll", erklärt er. Genau wie die Mutter aus Kerbela hat auch der Rentner aus Nadschaf für das Chaos der irakischen Nachkriegszeit schon "bezahlt". Einer seiner Söhne wurde vor vier Monaten von US-Truppen in der Aufständischen-Hochburg Jussifija gefangen genommen.
Da Nasr keinen der Kandidaten persönlich kennt und ihre politischen Programme nicht kennt, will er seinen Stammesführer fragen, wo er sein Kreuz machen soll, "denn er wird wissen, wer unseren Interessen am ehesten dienen wird". Bei anderen Schiiten hat die Werbung der Vereinigten Irakischen Allianz, die sich im Wahlkampf mit den Bildern der Religionsgelehrten schmückt, Wirkung gezeigt. Obwohl Sistani als höchste schiitische Autorität des Landes darauf verzichtet hatte, die Kandidatenliste, auf der die beiden wichtigsten religiösen Parteien vertreten sind, offen zu unterstützten, gilt dieses Bündnis als Sistani-Liste.

al-Sarkawi droht mit Anschlägen
Natürlich können auch in den Schiiten-Städten Anschläge am Wahltag nicht ausgeschlossen werden, vor allem nicht, wenn man die Drohungen der sunnitischen Terroristengruppe um den Jordanier Abu Mussab al-Sarkawi ernst nimmt. Er hatte im Sommer 2003 auch den schweren Anschlag von Nadschaf verübt, bei dem der damals einflussreichste schiitische Politiker Mohammed Bakr al-Hakim ums Leben kam.
Der Plan des Polizeikommandeurs von Nadschaf, Ghalib al-Dschasairi, lautet: "Wer nicht aus Nadschaf stammt, darf am Wahltag nicht in die Stadt, er wird automatisch als Feind betrachtet, der Beziehungen zu Terroristen hat." Rund um die Wahllokale sind Autos verboten. Vor der Stimmabgabe werden die Wähler nach Waffen und Sprengstoff durchsucht und müssen in einer mit Stacheldraht umzäunten Passage warten.

Zum Thema 14 Millionen Wähler
  Am Sonntag sind rund 14 Millionen Iraker dazu aufgerufen, ein 275-köpfiges Verfassung gebendes Übergangsparlament zu wählen. Außerdem soll bei dem ersten freien Urnengang im Irak seit Jahrzehnten die Zusammensetzung von 18 Provinzparlamenten und die eines kurdischen Regionalparlaments bestimmt werden.