Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) muss um ihren Doktortitel bangen, denn die Universität Düsseldorf eröffnet nun offiziell ein Verfahren zum Entzug des Titels. Der Rat der Philosophischen Fakultät beschloss am Dienstag, das Verfahren einzuleiten. Das kündigte der Ratsvorsitzende, Professor Bruno Bleckmann, an. Das Gremium folgte damit der Empfehlung der Promotionskommission. Der Fakultätsrat habe in geheimer Abstimmung mit 14 Ja-Stimmen und einer Enthaltung für die Einleitung des Hauptverfahrens gestimmt, sagte Bleckmann. "Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass das Verfahren ergebnisoffen ist."

Im April 2012 waren im Internet anonyme Plagiatsvorwürfe gegen Schavan aufgetaucht. Seitdem findet die Debatte um ihre 1980 in Düsseldorf eingereichte Dissertationsschrift zum Thema "Person und Gewissen" kein Ende. An 60 bis 70 Stellen der Arbeit wollen Plagiatsjäger nicht sauber ausgewiesene Quellen entdeckt oder Verstöße gegen wissenschaftliche Standards ausgemacht haben. Die Dissertation der damals 25-Jährigen wurde mit der Note "magna cum laude" (sehr gut) bewertet.

Spätestens dann, wenn es tatsächlich zum Entzug ihres Doktortitels kommen sollte, wäre Schavan als Bildungs- und Forschungsministerin nicht mehr tragbar. Aber auch das Verfahren kann sich sehr lange hinziehen. Einige, wie der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes Bernhard Kempen, sagen, dass selbst die Einleitung eines Entzugsverfahrens dem Amt des Bundesbildungsministers nicht gut tue - und Schavan über mögliche Konsequenzen nachdenken müsse.

Ähnliche Stimmen gibt es auch aus der Koalition. Dort sorgt man sich allerdings mehr wegen des nahenden Bundestagswahlkampfes. Ein Blick in den Terminkalender der Ministerin offenbart die Brisanz. Am Mittwoch - dem Tag nach der Entscheidung der Düsseldorfer Uni - steht für 16 Uhr ein Seminar der Honorarprofessorin Dr. Schavan in der FU Berlin auf dem Plan - und am Abend ein Essen mit den Mitgliedern des Wissenschaftsrates - zusammen mit der Bundeskanzlerin.

Doch nicht nur für Schavan, auch für die Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität könnte die Entscheidung folgenschwer werden. Die Uni steht unter einem immensen Druck in dem Prüfverfahren. Die Hochschule muss ihren Ruf verteidigen, seit eine interne Voruntersuchung des Chefs der Promotionskommission und Judaistik-Professors Stefan Rohrbacher in Medien lanciert wurde.

Kritisiert wird auch die Länge des Verfahrens und dass bisher nur ein Gutachter die Arbeit geprüft hat. Auch die fachliche Eignung Rohrbachers, der kein Erziehungswissenschaftler ist, wurde in Zweifel gezogen. Die Universität hält mit einem Rechtsgutachten dagegen, das ihr bescheinigt, bei dem Prüfverfahren einwandfrei gearbeitet zu haben.

Die Debatte um Schavans Doktorarbeit spaltet inzwischen die Wissenschaft. Als völlig ungewöhnlich gilt das Vorgehen der Allianz der Wissenschaftsorganisationen, die sich überraschend einmischten und deutliche Kritik am Vorgehen der Uni übten. In der Allianz arbeiten die Forschungsorganisationen zusammen, die Milliarden vom Bund erhalten, aber auch die Rektorenkonferenz und der Wissenschaftsrat. Die Stellungnahme wird von Außenstehenden als Parteinahme der Allianz pro Schavan verstanden. Der Berliner Jura-Professor Gerhard Dannemann verwies jüngst darauf, dass bislang noch keinem Beschuldigten in einem Plagiatsverfahren solch prominente und hochkarätige Unterstützung widerfahren sei wie Schavan.