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Scheidung auf katalanisch

Die Farben Kataloniens im Gesicht: Miguel Joan Font (49) aus Barcelona ist für das Referendum über die Unabhängigkeit von Spanien.
Die Farben Kataloniens im Gesicht: Miguel Joan Font (49) aus Barcelona ist für das Referendum über die Unabhängigkeit von Spanien. FOTO: dpa
Barcelona. Morgen will Katalonien über seine Unabhängigkeit abstimmen. Unter den Verfechtern der Idee sind nicht nur Fantasten, sondern auch Opernstar José Carreras und Fußballer Gerard Piqué. Eine Spurensuche in einer aufmüpfigen Region. Carola Frentzen

Vor dem Rathaus von Arenys de Munt fassen sich die Menschen an den Händen und drehen sich in einem großen Kreis im Tanze. Aus Lautsprechern ertönt Musik von Flöten, Trommeln und Trompeten - der Startschuss für die "Sardana", den Volkstanz Kataloniens. Einen Moment lang scheint es, als sei die Welt in diesem Teil Spaniens gerade in bester Ordnung. Aber um die fröhlich hüpfenden Bürger herum, an den Häuserwänden und über ihren Köpfen, flattern Fahnen und Schriftbanner im Wind - sichtbare Zeichen dafür, dass hier eine ganze Region den Aufstand probt.

An Balkonen und Fenstern haben sie "Esteladas" angebracht, die Flagge der Unabhängigkeitsbewegung: vier rote Streifen auf gelbem Grund, seitlich ein blaues Dreieck mit weißem Stern. Unverkennbar: Hier diente Kubas Nationalflagge als Vorbild. Die Katalanen hatten den Unabhängigkeitskampf der spanischen Ex-Kolonie zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts mit ehrfürchtigem Interesse verfolgt. Auch die meisten Laternen und Gebäude in Arenys de Munt sind mit Plakaten und Postern gepflastert, "Referendum ist Demokratie", heißt es da, oder "Hola Republica", Hallo Republik Katalonien. Denn von der träumen die Leute im Dorf.

"Es ist alles vorbereitet, es kann losgehen", sagt Joan Rabasseda, der Bürgermeister des 40 Autominuten von Barcelona entfernten Ortes, und lehnt sich in seinem schmucken Büro lässig zurück. Trotz aller Drohgebärden aus Madrid hat er entschieden, das von der "Generalitat" (Regionalregierung) ausgerufene Referendum über eine Abspaltung der wirtschaftsstarken Region am 1. Oktober abzuhalten. Dass die Polizei Millionen von Wahlzetteln beschlagnahmt hat, stellt offensichtlich keine Hürde dar. "Ich muss auf die Bürger hören. Wie soll ich ihnen denn erklären, dass sie nicht wählen dürfen?", verteidigt er seinen Entschluss. Ja, sie werden abstimmen, ungeachtet aller Versuche von Ministerpräsident Mariano Rajoy und seiner konservativen Volkspartei (PP), dies zu unterbinden.

Das Verfassungsgericht gab Rajoy zwar recht und untersagte die Volksbefragung, aber die Katalanen geben sich kühn und kämpferisch. Für seine Aufmüpfigkeit musste Rabasseda bereits bei der Justiz vorstellig werden. Eine ganze Busladung von Unterstützern aus dem Dorf reiste mit ihm zur Anhörung. Denn die Katalanen halten zusammen. Sie pochen auf ihre "Andersartigkeit", auf ihre katalanische Sprache und Kultur, die so gar nichts mit dem Rest des Landes gemeinsam hätten.

Der Wunsch nach Selbstbestimmung hat tiefe Wurzeln und ist beileibe nicht neu. Seit Jahrhunderten gab es immer wieder separatistische Bewegungen. In Erinnerung geblieben ist speziell der Spanische Erbfolgekrieg (1701-1714), als Katalonien sich hinter den Habsburger Thronanwärter Erzherzog Karl stellte und nicht hinter den Bourbonen Philipp von Anjou. Der ahndete die Untreue hart: Nach 14-monatiger Belagerung gelang es den Truppen der Franzosen am 11. September 1714, Barcelona einzunehmen. Katalonien verlor seine Privilegien und seine Freiheit.

Eigentlich hätte dies als Volkstrauertag in die Annalen eingehen müssen. Kurioserweise wurde der 11. September hingegen zum Nationalfeiertag erklärt. Später, während der Franco-Diktatur, wurde die katalanische Sprache zeitweise komplett unterdrückt, sogar Ortsnamen wurden ins Spanische übersetzt. Obwohl in weiten Teilen Kataloniens heute das Gegenteil der Fall ist und die meisten spanischen Bezeichnungen abmontiert wurden, brandmarken viele die derzeitige Regierung doch als Nachfolgerin der Diktatur, die Francos harte Linie weiterverfolgt. "Die Fähigkeit zum Dialog ist nicht in Rajoys DNA", erzürnt sich Pipo Aymimi und nippt auf dem Kirchplatz von Arenys de Munt an seinem Kaffee. "Das sind doch alles Faschisten. Völlig korrupt."

Dieser Vorwurf schwingt wie ein Mantra durch die Region. Das Fass zum Überlaufen brachte ein Urteil des Verfassungsgerichts, das 2010 auf Betreiben von Rajoys PP ein neues Autonomiestatut stoppte, für das die Katalanen 2006 gestimmt hatten. Die schönen Strände der Costa Brava, die Pyrenäen im Norden, Barcelona mit der Sagrada Familia und dem historischen Gotischen Viertel - an Attraktionen, die Anlass zu Nationalstolz geben, mangelt es nicht. Aber in der Region, die etwa die Größe Belgiens hat, leben gerade einmal 7,5 Millionen Menschen.

Verstörend ist, dass viele eine bedenkliche Naivität an den Tag legen, wenn es um die Auswirkungen geht, die eine Abspaltung nach sich ziehen würde. "Ich bin zuversichtlich, dass wir schnell zu einem EU-Mitgliedsland werden", sagt Elena Navarro, eine Künstlerin aus Arenys de Munt. "Schließlich zahlen wir ja unsere Beiträge, da werden sie uns schon nicht herauswerfen."

Wie realitätsfern diese Einschätzung ist, die zahlreiche Katalanen teilen, erklärt der in Barcelona tätige deutsche Anwalt Carlos Wienberg. "Ein unabhängiges Katalonien würde seine EU-Mitgliedschaft verlieren und müsste einen Antrag auf Aufnahme in die EU stellen, der von allen Mitgliedstaaten einstimmig anzunehmen wäre." Katalonien müsste sich somit ganz hinten in die Reihe der Beitrittskandidaten stelle, und es würden Jahre vergehen, bis es zu einer Aufnahme käme.

Dabei ist nicht einmal sicher, ob bei einem Referendum tatsächlich die Mehrheit der Wähler für die Trennung von Spanien stimmen würde. Was die Menschen vor allem wollen, ist die Möglichkeit, darüber abstimmen zu dürfen. "Es geht hier gar nicht um eine unilaterale Unabhängigkeitserklärung, sondern um das Recht zu wählen", sagt Jordi Sánchez, der Präsident der separatistischen Bürgerinitiative ANC.

Arenys de Munt hatte es einst vorgemacht. Das Dorf gilt als Wegbereiter, seit es am 13. September 2009 über eine - natürlich nur symbolische - Trennung von Spanien abgestimmt hatte. Etwas mehr als 40 Prozent der Bevölkerung nahm teil, erstaunliche 96 Prozent votierten für die Unabhängigkeit. "Ganz Katalonien hat uns unterstützt", erinnert sich Carles Mora, der damalige Bürgermeister. "Das Fernsehen und viele Reporter waren da. Selbst 90-Jährige sind zu den Urnen gegangen und hatten Tränen in den Augen, weil sie an ihre Vorfahren dachten, die sich schon einen Volksentscheid gewünscht hatten."

Dennoch: Nicht überall in Katalonien hängen Esteladas aus den Fenstern. In der Industriestadt Baladona etwa, ein paar Kilometer nordöstlich von Barcelona gelegen, reihen sich graue Hochhäuser aneinander, deren Fassaden vom Flaggenmeer verschont geblieben sind. An vielen Lagerhallen prangen hingegen chinesische Schriftzeichen. Hier leben vor allem Zuwanderer und Ausländer, die um ihr Auskommen kämpfen. Die meisten von ihnen interessiert das ganze Brimborium nicht. Aber nur wenige Kilometer weiter, auf der Küstenstraße Richtung Norden, sind die Zäune am Wegesrand plötzlich wieder reich mit bunten Fähnchen bestückt. Darauf ein einziges Wort: "Sí", wir wollen abstimmen. Auch am Strand wehen alle paar Meter Esteladas über den Badegästen. Im Örtchen El Masnou wurde gar am Rathaus die spanische Flagge gänzlich abmontiert, hier wehen nur noch die katalanische "Senyera" und die Flagge der EU.

Auch in der kosmopolitischen Metropole Barcelona ist das bevorstehende Referendum allgegenwärtig. "Votamos para ser libres" (Wir wählen, um frei zu sein), lautet einer der Slogans, mit denen ganze Häuserzeilen zugekleistert wurden. Irgendwie kommt das Gefühl des Gruppenzwangs auf. Und wer nicht mitmacht, wird als Verräter betrachtet. Ein kritischer Bürger bringt es auf den Punkt: "Für die Unabhängigkeit zu sein, wird als toll angesehen, es ist in Mode. Aber wenn du es wagst, das zu hinterfragen oder Skepsis zu zeigen, bist du ein Faschist und Antidemokrat."

"Die Regierung meint, Spanien würde durch die Unabhängigkeit Kataloniens ein Arm oder ein Bein amputiert", resümiert Jaume López, Professor für Politikwissenschaften in Barcelona. "Die Katalanen sehen das eher als ,Scheidung‘, nach der man zwar noch im gleichen Haus wohnen kann, aber jeder seine eigenen Wege geht."

Zum Thema:
Die einen organisieren Referenden. Andere kämpfen mit Waffengewalt. Drei Beispiele für Unabhängigkeitstendenzen in Europa. Baskenland: Schon im Mittelalter haben die Basken von der spanischen Krone weitgehende Autonomie erhalten. Fast 50 Jahre lang kämpfte die Untergrundorganisation ETA für einen von Spanien unabhängigen Staat. Bei Anschlägen kamen Hunderte Menschen ums Leben. 2011 erklärte die ETA den Verzicht auf Gewalt und verübte seitdem keine Anschläge mehr. Korsika: Die Geschichte der Insel im Mittelmeer ist von der Herrschaft fremder Mächte geprägt. Seit Jahrzehnten gibt es Bestrebungen für mehr Eigenständigkeit - oft gewaltsam, mit Anschlägen auf Behörden oder Ferienhäuser von Festlandfranzosen. 2014 legte die Korsische Nationale Befreiungsfront FLNC die Waffen nieder. Zugleich gewannen nationalistische Kräfte in der Politik an Bedeutung. Schottland: Die Pläne für ein neues Referendum über die Abspaltung von Großbritannien hat Regierungschefin Nicola Sturgeon zwar vorerst auf Eis gelegt, vom Tisch sind sie aber nicht. Wenn mehr über den britischen EU-Austritt bekannt ist, will Sturgeon im Herbst 2018 erneut abstimmen lassen. 2014 hatten die Schotten sich noch gegen eine Unabhängigkeit entschieden.