Der Tag X naht, aber Edmund Stoiber, bald Ex-Ministerpräsident und Ex-CSU-Parteichef, tut so, als stünde das Ende seiner Amtszeit irgendwann im nächsten Jahrzehnt an. Der 65-Jährige brennt wie vor 32 Jahren, als er in den Landtag einzog. Die "gludernde Lot" - so einer seiner vielzitierten Versprecher - wütet in ihm. Seiner "vibrierenden Überpräsenz" ("Stern") kann sich nach wie vor niemand entziehen. "Er lässt nur schwer erkennen, dass er wirklich loslassen kann und will", schrieb dieser Tage die "Welt".
Bayerns Regierungschef verabschiedet sich von der Staatskanzlei, wie er 1993 nach dem Rücktritt von Max Streibl gekommen war: tatkräftig, umtriebig, zielstrebig, ehrgeizig zuweilen aktionistisch. Doch in den vergangenen 14 Jahren ist viel geschehen. Mit dem Amtsinhaber, seiner Partei und dem Freistaat Bayern.

Absolute Mehrheit gesichert
Am Anfang jubelte die Partei dem ehemaligen Generalsekretär, Staatskanzleichef und Innenminister zu: Stoiber schaffte es zusammen mit Parteichef Theo Waigel, die CSU vor einer Katastrophe zu bewahren. Infolge der Amigo-Affäre Streibls war die CSU in Umfragen sogar unter die 40-Prozent-Marke geraten. Alle Alarmglocken schrillten, doch in der Landtagswahl 1994 entschieden sich dann doch wieder 52,8 Prozent der Wähler für den wirbelnden Stoiber und seine CSU: Der GAU, der Verlust der absoluten Mehrheit in Bayern, war für die CSU abgewendet. Im Januar 1999 wurde Stoiber auch Parteivorsitzender und von da an unumstrittene Nummer eins in der CSU. Er verfügte über eine Machtfülle, wie sie vor ihm nur Franz Josef Strauß besaß.

Bestwerte bei Wirtschaftsdaten
Den Freistaat boxte er von einem Mittelplatz unter den Ländern an die Spitze. Nur noch mit Baden-Württemberg konkurriert Bayern heute um die besten Werte bei Arbeitslosigkeit, Wirtschaftswachstum, Bruttosozialprodukt und Pro-Kopf-Einkommen. Zu den "Leuchttürmen" des Stoiberschen Hightech-Standorts mauserten sich die Universitäten des Landes ebenso wie Forschungszentren und Hightech-Cluster, die meisten und größten davon allerdings im Großraum München konzentriert. Insgesamt 6,68 Milliarden Euro aus Privatisierungserlösen steckte Stoiber in verschiedene Zukunftsprogramme.
2003 nahm Stoiber Anlauf auf das einzige Amt, das ihn außer dem des Landesvaters interessierte. Doch der Traum vom ersten CSU-Bundeskanzler zerplatzte genauso wie vor ihm bei Franz Josef Strauß. Viel knapper freilich als Strauß scheiterte er - in diesem Fall an Amtsinhaber Gerhard Schröder (SPD). Die schmerzlichste Niederlage seiner Politikerkarriere sei das gewesen: "Das war schon enttäuschend, als der Ball zwischen Latte und Torlinie hin und her sprang und dann doch nicht reinging."
Doch für die Bayern war das halb so schlimm. Mit 60,7 Prozent und einer Zwei-Drittel-Parlamentsmehrheit trösteten sie bei der anschließenden Landtagswahl den gescheiterten Kanzlerkandidaten über die Niederlage hinweg. Stoiber wähnte sich auf der Höhe seiner Macht und verkündete ein ebenso ehrgeiziges wie schmerzvolles Regierungsprogramm: Sparen bis es kracht, damit Bayern 2006 einen ausgeglichenen Landeshaushalt vorweisen kann. Außerdem die Einführung des achtjährigen Gymnasiums. Der ehrgeizige, ex cathedra verkündete Reformkurs sorgte für erstes Murren in der CSU-Landtagsfraktion, die Stoiber bis dahin rückhaltlos unterstützt hatte. "Die Zwei-Drittel-Mehrheit", räumt inzwischen ein CSU-Landtagsabgeordneter ein, "hat uns nicht gut getan."
Der Ärger über einen zunehmend selbstherrlichen Regierungsstil, über die Macht einer Handvoll von Spitzenbeamten, die Stoiber in seiner Staatskanzlei als Küchenkabinett um sich scharte, wuchs. "Seine frühere Stärke, nämlich zuhören zu können und zu wollen, war ihm völlig abhanden gekommen", zog dieser Tage Stoibers Ex-Justizminister Alfred Sauter (CSU) seine Bilanz der Ära Stoiber.
Eine gewisse Grundunzufriedenheit in der CSU war daher schon da, als Stoiber 2005 überraschend seinen Rückzug aus Berlin verkündete. Jeder hatte bis dahin damit gerechnet, dass er im Kabinett von Angela Merkel (CDU) den Super-Wirtschaftsminister geben und damit auch eine personelle Erneuerung an der Spitze des Freistaats auslösen würde. Die Partei war in Aufruhr. "Ich leide wie ein Hund", bekannte Stoiber zerknirscht und versprach Besserung. "Doch kurze Zeit später", erzählt ein Insider, "war alles beim Alten."

Schwere Fehler in Kreuth
Die Partei vergab Stoiber, aber zu seiner früheren Größe fand der im Grunde sehr einsame Mann an der Spitze nicht mehr zurück. Seiner parteiinternen Kritikerin Gabriele Pauli verhalf er durch Fehler zu Publizität und Durchschlagskraft. Auf der für Stoiber verhängnisvollen Kreuther Klausur im Januar unterliefen ihm weitere schwere Schnitzer. "Ich mache keine halben Sachen", sagte er auf die Frage, ob er eine volle weitere Legislaturperiode, also bis 2013, zu regieren gedenke. Damit war für die CSU-Landtagsabgeordneten das Maß voll. Stoiber wurde zum Abtreten gezwungen.