Ein paar Heidenauer haben sich hinten am Real-Markt postiert. Der Minister soll kommen, sie wollen dabei sein. In Sichtweite zum Praktiker, in dem seit Freitag Asylbewerber wohnen. Ob sie nicht hingehen wollen zum Minister? "Nee, SPD is nich meene Welt", sagt eine Frau. "Die da", sie meint die Flüchtlinge hinter dem Absperrzaun, "die laufen hier einfach rum, die sind ni untersucht." Eine andere meint: "Die haben sowieso alle TBC." Zustimmendes Nicken in der Gruppe. Vielleicht doch näher dran? Mal gucken. "Es ist doch so", sagt ein Mann in der Gruppe. "Die Medien, die manipulieren das. Aber die Sachsen, die lassen si das ni bieten."

"Doppelte Integrationsaufgabe"

Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) wollte an diesem Montag auf seiner Sommertour ein anderes Sachsen besuchen, das der erfolgreichen mittelständischen Unternehmen. Jetzt steht er vor der Heidenauer Notunterkunft und spricht von einer "doppelten Integrationsaufgabe". Von den 800 000 Asylbewerbern, die der Bund für dieses Jahr schätzt, würden wahrscheinlich 500 000 bis 600 000 dauerhaft bleiben, sagt Gabriel. "Das ist auch eine Chance für unser Land." Sachsen soll 40 000 Flüchtlinge unterbringen.

Dem Mann mit dem Fahrradhelm und der karierten Badehose passt das gar nicht. Er hat schon eine Weile auf Gabriel gewartet. An den kommt er nicht ran, aber den Journalisten sagt er in die Mikros: "Wir dürfen uns doch nichts vormachen. Wir haben nicht mal die Schwierigkeiten der Wende verarbeitet. Es kann ni sein, dass wir hier zur Anlaufstelle für die ganze Welt werden." Gabriel geht es dagegen um die Neonazis, die sich hier drei Nächte lang Straßenschlachten mit der Polizei geliefert haben. Dieses "Pack, das sich hier rumgetrieben hat", das seien Leute, "die haben mit Deutschland nichts zu tun". Seine Botschaft an die Randalierer: "Euch wollen wir nicht. Wo wir Euch erwischen, da kriegen wir Euch auch."

Verängstigte Flüchtlinge

Junge Männer, die im Camp wohnen, kommen mit Tüten vom Einkauf zurück: Einmal hin, alles drin! Der Afghane Hasan saß im ersten Bus, der am Freitag nach Heidenau kam: "Wir hatten Angst", sagt er, "wir haben dem Busfahrer gesagt, dass wir hier nicht bleiben wollen." Da hatten die von der NPD zusammengetrommelten Neonazis schon die ersten Steine auf Polizeiautos geworfen.

Für die rechtsextreme NPD ist die Randale von Heidenau eine unmissverständliche Rückmeldung. Die Partei, die vor einem Jahr aus dem Landtag flog, will ihr Verlierer-Image loswerden. Nach dem Vorbild der Pegida-Organisatoren um Lutz Bachmann wollen die Rechtsextremen nun die Anti-Asyl-Stimmung in den kleinen Orten anheizen. In Freital indes war es ein wütender Mob aus Anwohnern, die ihren Unmut über die Flüchtlinge im Hotel Leonardo herausbrüllten. In Heidenau sind geübte Organisatoren am Werk, die ihre Truppen schnell und punktgenau an die Brennpunkte lotsen. Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) sprach am Sonntag bei einem Vor-Ort-Besuch von einer "neuen Qualität" des Protests. Sachsens Justizminister Sebastian Gemkow (CDU) sagte gestern: "Diese Gewaltausbrüche beschmutzen den Ruf unserer Heimat und stehen im Widerspruch zu der Hilfsbereitschaft und Bereitschaft zur friedlichen Auseinandersetzung der übergroßen Mehrheit der Sachsen." Die Beteiligten müssten mit konsequenter Strafverfolgung rechnen.

Die Proteste um die Erstaufnahmeeinrichtung im Praktiker-Baumarkt begannen am Freitagabend mit einer NPD-Demonstration. An die 1000 Menschen liefen mit durch das 16 000-Einwohner-Städtchen vor den Toren Dresdens. Dann zogen 600 Rechtsextreme zum Baumarkt und begannen, Steine, Flaschen und Feuerwerkskörper zu werfen - zu viele für die 136 Polizisten vor Ort. Die Busse mit den Flüchtlingen kamen nur mit Mühe durch. 31 olizisten wurden verletzt, einer musste ins Krankenhaus.

Bürgermeister ist betroffen

In der Nacht zum Sonntag standen sich vor dem durch Zäune gesicherten Gelände 250 Flüchtlingsunterstützer und 250 Flüchtlingsgegner gegenüber. Aus deren Reihen heraus entzündete sich massive Gewalt. Die Polizei sprach von einem "organisierten Angriff" auf Beamte. Dass trotzdem nur eine Person festgenommen wurde, sorgt immer noch für Befremden.

Heidenaus Bürgermeister Jürgen Opitz (CDU) sieht seine Gemeinde auf dem richtigen Weg. "Ich habe in den letzten Tagen viel Zuspruch aus dem Ort erhalten", sagte Opitz gestern. Bedroht fühle er sich nicht. Obwohl die Neonazis am Freitag an seinem Haus vorbeizogen, sieht er sich nicht in Gefahr. "Ich bewege mich ganz normal hier in der Stadt. Alles andere wäre fatal." Opitz ist betroffen, dass so viele Heidenauer bei den fremdenfeindlichen Protesten mitlaufen. Offensichtlich sei es der Gesellschaft nicht gelungen, "die Empathie so zu lenken, dass Fremde als Bereicherung empfunden werden", so der CDU-Mann.

Groß ist das Entsetzen, auch außerhalb Sachsens. "Was sich in Heidenau abgespielt hat, ist eine Schande für unser Land", sagte Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) am Montag. Woidke forderte eine Erklärung der Bundeskanzlerin: "Das laute Schweigen der Bundesregierung dauert schon viel zu lange."

"Höhepunkt einer Gewaltspirale"

Der Fraktionschef der Linken im Landtag, Rico Gebhardt, befürchtet, dass Sachsen angesichts der Bilder aus Heidenau "weltweit zum Zeichen von Unmenschlichkeit wird". Sachsens FDP-Chef Holger Zastrow sieht in den Gewalttaten den "vorläufigen, traurigen Höhepunkt einer seit Wochen andauernden Gewaltspirale". Die offenbar gezielt von der NPD provozierten Exzesse zielten auf die Einschüchterung der Flüchtlinge an. "Feiger und schäbiger geht es nicht!"

Zum Thema:
Vor einer Asylbewerber-Notunterkunft in Leipzig haben am Montag etwa 150 Unterstützer von Flüchtlingen die Verlegung der Menschen nach Heidenau verhindert. Die Protestierenden blockierten die Zufahrt zu einer Sporthalle, aus der 51 Flüchtlinge abgeholt werden sollten, teilte die Polizei mit. Ein bereits bereitgestellter Bus fuhr unverrichteter Dinge wieder ab. Die Flüchtlinge sollten über Nacht weiter in der Halle bleiben, sagte ein Polizeisprecher am Abend. Am Dienstag entscheide die Landesdirektion Sachsen, in welche Unterkunft die Menschen gebracht würden. Eine Sprecherin sagte, die Unterbringung der Flüchtlinge in der Sporthalle der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur sei von vornherein als vorübergehend vereinbart gewesen. Nun müssten sie in eine andere Unterkunft gebracht werden. Heidenau sei die einzige Alternative. Die Flüchtlinge waren nach Leipzig gebracht worden, weil eine Zeltstadt in Chemnitz nach schweren Regenfällen aufgelöst werden musste. Offenbar wehrten sich auch Flüchtlinge dagegen, nach Heidenau verlegt zu werden.