Den deutschen Zollfahndern gehen immer mehr Täter im Bereich gefälschter Arzneimittel ins Netz. Die Bekämpfung von Verstößen gegen den Mindestlohn steht bei der Behörde wegen mangelnder personeller Kapazitäten dagegen offenbar noch am Anfang. Das ergibt sich aus der Jahresbilanz 2015 des Zolls, die am Montag von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) vorgestellt wurde.

Wie ist der Stand bei illegalen Arzneien?
Rund 3,9 Millionen illegale und gefälschte Tabletten stellte der Zoll 2015 sicher - fast viermal so viel wie im Jahr zuvor. Hier habe man es mit "immer größeren kriminellen Strukturen" zu tun, sagte Schäuble. Dies lässt sich auch an der Zahl der mutmaßlichen Täter ablesen. Der Personenkreis, gegen den der Zoll im vergangenen Jahr wegen Vergehen im Zusammenhang mit Medikamenten ermittelte, erhöhte sich um und ein Drittel auf 4100.

Wie gehen die Täter vor?
Die Banden agieren immer stärker global. Die Wirkstoffe kommen in der Regel aus China oder Indien. In Osteuropa werden die Tabletten in zum Teil täuschend echt aussehenden "Original"-Schachteln verpackt. Zur Vermarktung der gefälschten Produkte betreiben die Täter illegale Online-Apotheken. Ihre Nutzer wollen nicht nur Geld sparen, sondern auch die ärztliche Verschreibungspflicht bestimmter Pillen wie etwa Viagra umgehen. Nach Erkenntnissen des Zolls vertreiben illegale Internet-Apotheken vor allem Potenzmitteln, Schlankmacher und Präparate zum Muskelaufbau. Da die fällige Bezahlung in aller Regel über deutsche Konten abgewickelt wird, gelten solche Apotheken bei Kunden scheinbar als seriös.

Sind illegale Pillen gefährlich?
Im günstigsten Fall sind die Mittel wirkungslos. Im schlimmsten Fall führen sie zu Herz- und Kreislaufversagen. "Das vermeintliche Schnäppchen kann böse Folgen haben", warnte Schäuble. Oft werden in den illegalen Kapseln Straßendreck, Putzmittel und andere gefährliche Chemikalien festgestellt. Um Potenzmittel wie Originale erscheinen zu lassen, sind sie zum Beispiel mit Fußbodenwachs überzogen. Experten gehen davon aus, dass die Gewinnspannen bei solchen "Arzneien" mittlerweile höher liegen als im Drogenhandel, da die Herstellungskosten kaum ins Gewicht fallen.

Was förderte der Zoll noch zutage?
Einen Anstieg gab es auch im Bereich des Rauschgiftschmuggels. 16,7 Tonnen zog der Zoll 2015 aus dem Verkehr. Das waren drei Tonnen mehr als 2014. Allein die sicher gestellte Menge an Kokain stieg von 1,2 auf 1,7 Tonnen. Der Wert gefälschter Markenprodukte von der vermeintlichen Rolex-Uhr bis zum gefälschten Auto-Zubehör blieb mit etwa 132 Millionen Euro nahezu konstant. Dagegen hat sich der Umfang an beschlagnahmten Schmuggelzigaretten mit 75 Millionen Stück fast halbiert. Grund sind veränderte Strategien von Tätern, legale und illegale Warenströme miteinander zu verknüpfen, was aufwendigere Ermittlungen nach sich zieht.

Wie ist die Lage beim Mindestlohn?
Zu den schwarzen Schafen zählen vornehmlich Branchen wie Bau und Gaststätten, die schon vor der Einführung der Lohnuntergrenze von 8,50 Euro zum 1. Januar 2015 Niedriglöhne gezahlt hatten. Im Vorjahr stellte der Zoll rund 4000 Verstöße von Unternehmen fest. Das könnte allerdings nur die Spitze des Eisbergs sein, denn von den 1600 Zoll-Mitarbeitern, die zur Überwachung des Mindestlohns neu eingestellt werden sollten, ist offenbar noch kein einziger in Aktion. 2015 sollten sich zunächst 350 frisch ausgebildete Kräfte speziell um diese Aufgabe kümmern. Doch wegen der Flüchtlingskrise wurden sie allesamt in andere Behörden abkommandiert. Laut Finanzministerium kommen sie nun nach und nach zurück. Weitere 350 künftige Zollmitarbeiter werden ihre Ausbildung im Sommer beenden. Die schon 2014 angekündigte Zielmarke von 1600 kann daher erst in den kommenden Jahren erreicht werden.