Wie er im Rahmen der Reihe „Zur Zukunft gehört Erinnerung“ im Schloss betonte, habe sich während 40 Jahren DDR herausgestellt, dass das System nicht lebensfähig gewesen sei. Dafür, dass er am 9. November 1989 die Öffnung der Grenzen verkündet hatte, so Schabowski, werde er noch heute als Verräter gebrandmarkt.
Günter Schabowski bewegt auch 17 Jahre nach dem Ende seiner politischen Karriere die Massen im Osten der Republik. Während sich noch einige Gäste Parkplätze suchen, ist Mitorganisator und Kunstvereins-Chef Martin Schmidt im Saal des Schlosses damit beschäftigt, Stühle für die letzten der etwa 150 Zuhörer heranzuschaffen. Das Publikum scheint auf Interna aus der einst real existierenden DDR-Schaltzentrale zu warten. Der 78-Jährige wird sie nicht enttäuschen.
„Der 9. November 1989 war das endgültige Scheitern des politischen Systems“ , sagt das frühere Politbüro-Mitglied, das in den Jahren von 1984 bis 1989 verfolgen konnte, wie Erich Honecker, Erich Mielke und Co. die Geschicke des Staates gelenkt haben. Er stellt den DDR-Regierenden ein erbärmliches Zeugnis aus und erweckt bei manchem Gast den Anschein, als wäre er nur unbeteiligter Beobachter der Szenerie im Politbüro gewesen - und nicht ein Teil davon. Er erzählt von der Konspiration innerhalb des Politbüros, um Honecker zu stürzen, von der Uneinsichtigkeit des früheren Staats- und Parteichefs, vom Ja des früheren ZK-Sekretärs Günter Mittag und des Chef-Agitators Joachim Herrmann, als es um deren eigene Absetzung ging.
Er berichtet stets im Stil eines Reporters, als sei er zwar dabei gewesen, aber als hätte er nicht richtig dazu gehört. Seine Schilderungen über das Zentrum der Macht erscheinen wie die eines Außenstehenden.
Schabowski hat sich nach dem SED-Parteiausschlussverfahren gegen ihn im Januar 1990 vom Sozialismus abgewandt. Noch zwei Monate zuvor sei er davon überzeugt gewesen, dass durch die Reiseregelung Entspannung in der DDR einkehren würde. Das Publikum hängt an seinen Lippen. „Das System ist in sich zugrunde gegangen“ , betont der einstige Spitzenkader und erklärt, dass die DDR für ihn aus heutiger Sicht „kein akzeptabler Staat“ war.
Der 78-Jährige, der mehr als 40 Jahre lang Kommunist gewesen war, überrascht mit seiner Ansicht, dass allein die Demokratie die beste Staatsform sei - und erntet von einer Minderheit im Saal zum Teil harsche Kritik. Als ihm aus den Zuschauerreihen vorgehalten wird, er verleumde seine Heimat und es dafür Applaus gibt, wird Schabowski für einige Momente ungehalten. „Das wird ja mehr und mehr zu einer PDS-Veranstaltung hier“ , raunt er ins Mikrofon. Schabowski rechtfertigt sich: „Ich habe niemanden ins Gefängnis gebracht. Aber ich habe die Augen davor verschlossen, dass junge Menschen an der Grenze erschossen worden sind“ , sagt er. Die SED sei eine „Scheißpartei“ gewesen, die im Januar 1990 allein an ihre eigene Rettung und den Machterhalt gedacht hätte.
Doch auch diejenigen, die der DDR kritisch gegenüber stehen, stoßen sich an der Person Schabowski: Hans-Georg Richter aus Hoyerswerda erscheint der frühere Politiker unglaubwürdig: „Bis 1989 hat auch er mir gepredigt, wie ich mich zu verhalten habe. Und nun behauptet er das genaue Gegenteil“ , so der 59-Jährige. „Ich kaufe ihm nicht ab, dass er sich so geändert hat.“ Klaus Haupt, früherer FDP-Bundestagsabgeordneter, teilt Schabowskis Meinung über die Gründe für den Zusammenbruch der DDR: „Das war eine nachvollziehbare, ehrliche und mutige Analyse.“ Schabowski hat mit dem Sozialismus abgeschlossen: „Ich bin am Ende der 80er-Jahre zu dem Schluss gekommen: So können wir das nicht machen.“ „“