Vom muslimischen Gesichtsschleier über Vielweiberei bis zum angedrohten Entzug der Staatsbürgerschaft für einen aus Algerien stammenden Mann reichen die Themen, die die politische Klasse in Frankreich derzeit beschäftigen. Auslöser war der Fall einer vollverschleierten Frau, die von der Polizei im Auto angehalten wurde. Dagegen wird über die geplante Rentenreform, die ein Herzstück der restlichen Amtszeit von Präsident Nicolas Sarkozy werden soll, auffallend wenig diskutiert. Vermutlich ist Sarkozy einmal mehr Opfer übereifriger Freunde geworden, die ihn durch allzu gut gemeinte Unterstützung in Schwierigkeiten bringen.

Kürzlich hatte noch einer seiner Berater von einem ,,internationalen Komplott" fabuliert, weil ausländische Medien Gerüchte über eine Ehekrise im Hause Sarkozy verbreitet hatten.

Nun ist es sein alter Freund und Innenminister Brice Hortefeux, der nach Ansicht von Kritikern bei der Verteidigung des Präsidenten über die Stränge geschlagen hat.

Um die Notwendigkeit eines Schleierverbots für muslimische Frauen zu unterstreichen, verwies Hortefeux auf den Fall der vollverschleierten Autofahrerin und ihres Ehemannes. Der aus Algerien stammende Franzose lebe mit vier verschleierten Frauen zusammen, habe zwölf Kinder und erschleiche Sozialhilfe, entrüstete sich Hortefeux.

Erst verdächtigte der Minister den Mann öffentlich, ohne juristische Ermittlungen abzuwarten, dann drohte er ihm auch noch mit dem Entzug der Staatsbürgerschaft. Als Innenminister hätte er wissen müssen, dass diese Strafe in Frankreich nur in schweren Fällen wie etwa Terrorismus oder Spionage angewendet werden kann.

,,Man kommt kaum umhin, an eines der ersten Gesetze zu denken, das das (mit den Nazis zusammenarbeitende) Vichy-Regime 1940 erlassen hat", schreibt das Online-Magazin ,,Mediapart". Bis 1944 wurde auf dieser Basis 15 000 Menschen die französische Staatsangehörigkeit entzogen. Die meisten hatten ausländische Wurzeln, etwa 40 Prozent waren Juden.

Aus dem Schleiertanz ist mittlerweile ein Eiertanz geworden. Die Zeitung ,,Le Monde" empfahl Hortefeux den Verzicht auf sein Ministeramt. Hortefeux reagierte erbost und warf der Zeitung in einem Meinungsbeitrag vor, sich auf die Seite islamistischer Extremisten zu stellen, die die Unterwerfung der Frau wollen.

Je mehr sich die Diskussion ausgeweitet hat, desto unwahrscheinlicher scheint es, dass sich das politische Spiel mit dem Feuer lohnt. Auch im eigenen Lager wächst der Unmut. Außenminister Bernard Kouchner sorgt sich, dass die USA ein französisches Schleierverbot kritisieren könnten, weil sie es als Eingriff in die persönlichen Freiheitsrechte auffassen könnten. Um die zu erwartende Kritik muslimischer Staaten abzumildern, sind die französischen Botschafter gebeten, bei ihren Gesprächspartnern Überzeugungsarbeit zu leisten.