Es hätte so schön sein können. Auf den Tag genau feierte Dresden gestern den 800. Jahrestag seiner urkundlichen Ersterwähnung. Doch während die 1000 Ehrengäste aus dem In- und Ausland am Vormittag die Zeremonien in der Frauenkirche und der Semperoper erlebten, kämpften die Menschen in den tiefer liegenden Wohngebieten Gohlis, Lau begast und Zschieren gegen das Elbe-Hochwasser. Während Frauenkirchen-Baudirektor Eberhard Burger die Ehrenbürgerrechte der Stadt erhielt, überschritt der Pegel die neu ralgische Sieben-Meter-Marke. Damit galt für einige Stadtteile die höchste Alarmstufe. Bis auf 7,75 Meter könnte der Pegel noch steigen, schätzen die Experten. Ab morgen rechnen sie dann mit einem langen Hochwasserscheitel und schließlich einem allmählichen Rückgang.

Notunterkünfte vorbereitet
Sieben Meter - das sind zwar zweieinhalb Meter unter dem Rekordwert von 2002, aber fünf Meter über Normal. Da packen manche Dresdner die Kisten und bereiten sich auf ihre Evakuierung vor. Die Menschen in Cossebaude und Gohlis mussten gestern Abend aus ihren Häusern. Gut möglich, dass heute noch Hunderte folgen, wenn sie nicht schon zu Freunden und Verwandten geflüchtet sind. Auch Notunterkünfte sind eingerichtet, wie in der Sächsischen Schweiz, wo bereits tausende Menschen ihre vier Wände verlassen mussten und ein Pegel von 8,30 Meter die Elbe in die Altstädte spült. Wie tief gespalten Dresden dieser Tage ist, bestaunen Touristen auf der Brühlschen Terrasse: Vom Ufer her steigt das Wasser immer höher, das Tickethäuschen der Dampfschifffahrt steht bis zum Dach im Wasser. Doch auf der anderen Seite der Festung werden Postkarten und Bratwurst verkauft. Riesige Sandsäcke mit der Aufschrift Quick-Damm verhindern ein Eindringen in die Altstadt. "Die Lage ist angespannt, aber ruhig", sagt ein Sprecher der Stadt. Stunde um Stunde steigt die Elbe um zwei Zentimeter. Damit waren die nächsten Schritte seit dem Morgen abzusehen: Die Evakuierung eines Altenheimes etwa und die Sperrung des Blauen Wunders für den Autoverkehr. Dort hatte die Lage am Mittag skurrile Züge angenommen. Während am Hintereingang des Restaurants "Schillergarten" Helfer die Wassermassen mit Sandsäcken und Pumpen abwehrten, saße n auf der Terrasse Gäste bei Bier und Kaffee. Zuvor schon waren am anderen Elbufer der "Körnergarten" und das frisch sanierte Vereinshaus der Wassersportler "Am Blauen Wunder" wieder abgesoffen. In der Nacht hat es auch Privathäuser erwischt. "Ich hab die ganze Nacht Sandsäcke geschleppt. Aber um 4.30 Uhr kam das Wasser in den Keller", stöhnt ein Mann. Um zwölf Uhr ging er das erste Mal schlafen.

Achtlosigkeit der Behörden
Ein paar Straßen weiter gerät Wolfgang Kühne in Rage. Nicht, das es ihn nicht stört, dass sein Keller vollläuft und er den ganzen Tag ausräumen muss. Doch Kühne ärgert vielmehr die Achtlosigkeit der Behörden, die grad in der Semperoper feiern. Ein alter Elb-Arm, der als Überflutungsgebiet dienen sollte, würde ständig als Baudeponie für Straßenbauprojekte genutzt. Und jetzt sei sogar ein Wohngebiet mit bis zu 1000 neuen Häusern geplant. "Die machen die Lage noch schlimmer", sagt Kühne, "als vor dem letzten Hochwasser".