Der eine will bauen und braucht Sand, der andere hat Sand im Überfluss und will davon nichts hergeben. Das kleine Singapur liegt im Clinch mit seinem großen Nachbarn Indonesien, der mitten im Bauboom des Stadtstaates die Sandexporte gestoppt hat. Das Beispiel hat Schule gemacht. Auch die große Volksrepublik China hat dem erfolgreichen kleinen Nachbarn Taiwan den Sandhahn zugedreht.
Auf der einen Seite steht Singapur mit nur 682 Quadratkilometern und 4,5 Millionen Einwohnern, auf der anderen Indonesien mit gewaltigen 1 912 988 Quadratkilometern und 245 Millionen Einwohnern. Aber in einem sind die Größenverhältnisse umgekehrt: Singapur ist mit einem Pro-Kopf-Einkommen von umgerechnet 23 000 Euro im Jahr ein Riese in der Staatengemeinschaft, Indonesien mit 2800 Euro dagegen ein Zwerg.
Nun brummt die Wirtschaft in Singapur, mit Wachstumsraten von mehr als sieben Prozent. Der Bauboom scheint keine Grenzen zu kennen. Geld dafür kommt von Investoren in aller Welt, Arbeitskräfte aus Malaysia und Indien, Sand und Steine aus Indonesien - bis vor kurzem zumindest. Anfang Februar stoppte das große Nachbarland plötzlich die Sandlieferungen. Der Umwelt zuliebe, hieß es. "Es ist unser Recht als souveräner Staat, Sandexporte aus Gründen des Umweltschutzes zu verbieten", sagte Außenminister Hassan Wirajuda. Sonst würden womöglich noch ganze Inseln durch den Appetit der Singapurer Baulöwen abgetragen. Dann hielten die Indonesier auch Schiffe mit Granit an. Um zu kontrollieren, ob nicht verbotener Sand drin sei, hieß es zuerst. Plötzlich war auch das Granit-Verbot im Raum.
Der plötzliche Ökotrip macht viele misstrauisch: Indonesien ist als Naturverächter verschrien, zum Beispiel wegen des Kahlschlags der Regenwälder zugunsten der Palmöl-, Zellstoff- und Papierindustrie. Nicht nur die Singapurer argwöhnen, dass dahinter etwas anderes stecken könnte. So gibt es Grenzstreitigkeiten zwischen den Nachbarn, ein Auslieferungsabkommen kommt nicht voran, ein Verteidigungspakt steht aus. Und überhaupt, eine Liebesbeziehung verbindet den "kleinen roten Punkt" auf der Landkarte, wie Singapur genannt wird, mit seinen Nachbarn ohnehin nicht. Viele Länder schauen zwar mit Neid auf den Stadtstaat, wo die Straßen sauber, die Kriminalität niedrig und das Einkommen hoch ist. Ratschläge, wie man vorankommt in der Welt, gibt es von dort gratis. Nicht immer zur Freude der Nachbarn. "Warum dieser Überlegenheitskomplex?" schrieb die "Ma laysia Straits Times". "Sterilisiertes Utopia" nannte Autor Gavin Yap den Stadtstaat und verglich die Rivalität mit der zwischen zwei Schulen, in der die eine immer den besseren Notendurchschnitt produziert, an der anderen aber die Party abgeht.
Seit seiner Unabhängigkeit 1965 hat Singapur seine Nachbarn in allem Materiellen überholt. Doch den Klassenprimus liebt man nicht. "Wir sehen Singapur einerseits als Vorbild, aber andererseits als arroganten wirtschaftlichen Giganten, der seine Finanzmuskeln gerne spielen lässt, um die Nachbarn unterzukriegen", sagte ein indonesischer Abgeordneter.
Im Sandstreit zucken die Singapurer mit den Schultern. Die Regierung hat erstmal Sand- und Granitreserven freigegeben. Und dann wird anderswo geschaut: "Die Lektion ist: Nie auf eine Quelle angewiesen sein", sagte Chefminister Goh Chok Tong im Parlament.