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| 01:32 Uhr

Sammler erhalten die Historie der Brikettproduktion in der Lausitz am Leben

Geschichtenreicher Kohlenkeller: Christian Mrose hat die meisten seiner Zierbriketts im Keller seiner Wohnung. Foto: Sascha Klein
Geschichtenreicher Kohlenkeller: Christian Mrose hat die meisten seiner Zierbriketts im Keller seiner Wohnung. Foto: Sascha Klein FOTO: Sascha Klein
Brieske. Früher waren die kleinen, bedruckten Briketts nicht viel mehr als ein Mitbringsel. Tausendfach gepresst gab es sie zu fast jedem Anlass. Heute sind die Zierbriketts in der Lausitz Sammlerobjekte. Zwischen Elbe und Neiße erfreuen sie sich bei Hobby-Historikern wachsender Beliebtheit. Von Sascha Klein

In Christian Mroses Keller in Brieske (Oberspreewald-Lausitz) stapeln sich die Schätze aus vergangenen Epochen. Sie alle haben eines gemeinsam. Sie sind schwarz und aus Braunkohle. In einem schlichten Holzregal sind sie aufgereiht, die Zeugnisse der industriellen Blütezeit aus Kausche, Knappenrode und Brieske. „Ich bin echt froh, dass ich so einen trockenen Keller habe“, erzählt der 28-Jährige. Seit rund drei Jahren frönt er diesem Hobby, ein Ende ist nicht in Sicht. Auf rund 580 Stück ist seine Brikett-Sammlung inzwischen angewachsen. „Ich will aber nicht übertreiben und alles haben“, sagt Mrose. Dafür sei ihm sein Geld auch zu schade.

Schwarze Kohle-Erfahrung

Der Lausitzer stammt aus einer Bergarbeiterfamilie. Seine Eltern haben in der Briesker Brikettfabrik gearbeitet, in der Nachbarschaft gelebt. Die DDR kennt Christian Mrose noch, zur Wende war er acht Jahre alt. „Ich kann mich noch erinnern, dass wir damals keinen Schnee oder Eiszapfen essen sollten“, sagt er. Denn überall dort war auch der Kohlestaub. „Wir haben früher auch Schnee in einem Glas aufgetaut und beobachtet, wie das Wasser grau wurde. Der Staub hat sich abgesetzt.“

In seiner Wohnung gibt es keine Briketts, dafür andere Zeugnisse des Bergbaus. In Brieske ist, wie auch in anderen Orten der Lausitz, wenig vom Bergbau übrig geblieben. „Jetzt ist dort grüne Wiese. Vielleicht hat Helmut Kohl das damals mit blühenden Landschaften gemeint“, sagt Mrose und lacht. Er geht zur Schrankwand und zieht einen Ordner heraus. Dort hat er Bilder, Skizzen, Zeitungsausschnitte – jede Menge Historie rund um den Lausitzer Bergbau – und eine Auflistung sämtlicher Brikettformen. „Ein Brikett ist wie ein guter Fernseher“, sagt er. „Es braucht feste Normen und eine gute Qualität.“ Ein aktiver Bergmann hätte es nicht besser sagen können. Dabei ist Mrose nicht selbst im Bergbau tätig. Der 28-Jährige arbeitet im Sozialen Dienst. Nach zwei Bandscheibenvorfällen war seine Laufbahn als Forstfacharbeiter schneller beendet als gedacht. Während er krank zu Hause war, begann er zu sammeln. Im Internet begab er sich auf Spurensuche, wurde beim Traditionsverein Lausitzer Braunkohle in Lauchhammer vorstellig, forstete in Internet-Foren und –Auktionshäusern nach Spannendem. Inzwischen hat er eine beachtliche Sammlung zusammengetragen. Wie Mrose widmen sich etliche Lausitzer diesem Hobby. Genaue Zahlen gibt es jedoch nicht.

An Dieter Müller aus Niemtsch (Oberspreewald-Lausitz) reicht Mrose mit seiner Sammlung jedoch lange noch nicht heran. Der frühere Direktor des Tagebaus Meuro bringt es nach eigenen Schätzungen auf knapp 2000 Steine. Es ist ein Streifzug durch fast eineinhalb Jahrhunderte Braunkohlen-Historie. Sein Ältester, ein Brikett der Henckel-Werke, stammt aus den Jahren 1871 bis 1873.

140 Jahre Geschichte

Schon vor mehr als 30 Jahren hat er Jagd auf die schwarzen gepressten Bodenschätze gemacht: „Früher haben die Baggerfahrer natürlich gewusst, dass ich Briketts sammele. Wir haben viele alte Stücke beim Abbau des zweiten Lausitzer Flözes gefunden“, sagt er. Sie seien im Abraum gewesen und geborgen worden. „Ich hatte im Tagebau auch jemanden, der sie konserviert und bemalt“, sagt Müller. Allein bis zur Wende hatte er knapp 300 Stück. Die Briketts sind allerdings nur eine seiner Sammelleidenschaften. Müller hat sich in den vergangenen 15 Jahren ein privates Bergbaumuseum aufgebaut. Dort finden sich auch Bilder, Literatur, Postkarten und Figuren – alles rund um den Bergbau. Seine besondere Leidenschaft gilt jedoch den Bergmannslampen. Einen der drei Räume, die er regelmäßig seit 1996 für Besucher öffnet, hat er den Briketts gewidmet. In einer Vitrine bewahrt er die wertvollsten Stücke auf, in langen Regalen stehen mehr als 1000 weitere. Alle Formen sind vertreten, unter anderem auch quadratische der Ilse-Bergbau AG aus dem frühen 20. Jahrhundert sowie runde, die so aussehen wie ein Eishockey-Puck. Dass manche Briketts selten geworden sind, weil es die Fabriken nicht mehr gibt, daran hat auch der frühere Tagebau-Chef seinen Anteil: „1986 haben wir zum Beispiel die Brikettfabrik Morgenrot mit dem Tagebau Meuro überbaggert.“

Selbst einem Mann wie Dieter Müller gelingt heute hin und wieder ein Glücksgriff. Beim Ankauf einer Sammlung bekam er unter anderem ein Brikett mit einem Aufdruck des Fußball-Rekordmeisters Bayern München – genau dies fehlte ihm. Diese Serie war in den 90er-Jahren in der Brikettfabrik Sonne in Freienhufen (Oberspreewald-Lausitz) entstanden – inoffiziell natürlich. „Manchmal bekomme ich sogar noch Briketts, von denen ich gar nicht wusste, dass sie existieren“, sagt Dieter Müller.

Auch Christian Mrose hat in den vergangenen Jahren noch so manches Brikett in Brieske ausgegraben – allerdings auf einem schweißtreibenden Weg: „Wenn man weiß, wo früher die Brikettfabriken gestanden haben, lassen sich knapp unter der Oberfläche noch welche finden“, erzählt er. Jedoch müsse derjenige schon sehr genau wissen, wo die Brikettpressen einst gewesen sind .

www.lr-online.de/topthema

www.ostkohle.de

www.christianmrose-brieske.de

www.lausitzerbergbau.de