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| 02:41 Uhr

Säuglingstod unter Aufsicht

Bei suchtkranken Eltern ist die Gefährdung der Kinder für die Jugendämter nicht immer leicht zu beurteilen.
Bei suchtkranken Eltern ist die Gefährdung der Kinder für die Jugendämter nicht immer leicht zu beurteilen. FOTO: dpa
Cottbus. Wie können Kinder suchtkranker Eltern durch Jugendämter ausreichend geschützt werden? Ein aktueller Strafprozess in Cottbus um den gewaltsamen Tod eines Babys zeigt, wie schwierig die Antwort auf diese Frage sein kann. Simone Wendler / sim

Die Aufmerksamkeit von Nachbarn, Erziehern und Kinderärzten für die Gefährdung von Kindern ist offensichtlich gewachsen. 240 mal bekam zum Beispiel das Jugendamt des Oberspreewald-Lausitz-Kreises (OSL) im vorigen Jahr entsprechende Hinweise, dreimal so viel wie vier Jahre zuvor. "Das Thema Kinderschutz ist in der Bevölkerung angekommen", erklärt Jugendamtsleiterin Manina Miltz diesen Trend.

Hinter fast 90 der Hinweise steckte wirklich eine akute Gefährdungssituation für Minderjährige. Jeder dritte Fall davon betraf nach Auskunft von Jugendamtschefin Miltz Eltern, die von Alkohol oder illegalen Drogen abhängig waren.

Der Oberspreewald-Lausitz-Kreis ist kein Sonderfall. Beim Cottbuser Jugendamt gingen im Vorjahr 350 Hinweise auf gefährdete Kinder ein. In zwei Dritteln der Fälle musste das Amt mit verschiedenen Maßnahmen aktiv werden. In knapp 20 Prozent der zurzeit vom Cottbuser Jugendamt betreuten Familien spielen nach Auskunft von Kinderschutz-Koordinatorin Antje Henkler Alkohol oder Drogen eine Rolle.

Der Spree-Neiße-Kreis (SPN) zeigt eine ähnliche Entwicklung, wie Jugendamtsleiter Manfred Thuns bestätigt: "Ich schätze, dass auch bei uns ein Drittel der Hinweise auf Gefährdung von Kindern mit Suchtproblemen zu tun hat."

30 derartige Fälle bearbeitete das SPN-Jugendamt im vorigen Jahr. "Die Dunkelziffer kann deutlich höher sein", vermutet Thuns. Besonders die neue synthetische Droge Crystal wird in der Region auch immer mehr für Jugendämter zum Thema. Crystal-Konsum durch Eltern sei schwerer zu entdecken. "Alkohol bekommen wir leichter mit", so Thuns.

Im Oberspreewald-Lausitz-Kreis kam das drei Monate alte Baby einer alkoholkranken Alleinerziehenden trotzdem ums Leben. Leonie starb im Juni 2011 in Lauchhammer, weil sie mit einem Fußtritt gegen einen harten Gegenstand geschleudert wurde. Die Mutter muss sich deshalb seit Mitte Mai vor dem Landgericht Cottbus wegen Totschlags verantworten.

Das Jugendamt OSL hatte die Familie seit Jahren betreut. Auch als der Säugling starb, war laut Kreisverwaltung ein "engmaschiges Helfernetzwerk", das sich regelmäßig beriet, bei der Familie im Einsatz. Einen Verdacht auf strafrechtlich relevantes Verhalten von Jugendamtsmitarbeitern im Zusammenhang mit dem Tod des Babys gab es offenbar nicht. Die Staatsanwaltschaft Cottbus hat nie in diese Richtung ermittelt.

Im Strafprozess gegen die Mutter von Leonie kommen jedoch Dinge zur Sprache, die Fragen zur Betreuung durch das Jugendamt OSL offenlassen. Die älteren Kinder waren wegen der Alkoholsucht der Mutter früher schon zeitweilig in Obhut genommen worden. Eine Familienpflegerin berichtete von einer "Bindungsstörung" der Mutter zu Leonie. Auch von einer vor der Entbindung abgebrochenen Therapie ist die Rede.

Wusste das Jugendamt davon? Wusste das "Helfernetzwerk", dass die Mutter rückfällig wurde? Wie viel sie in der Nacht getrunken hatte, als Leonie starb, konnten die Ermittler nicht genau feststellen. In der Wohnung fanden sie einen Drei-Liter-Behälter Sangria, in dem nur noch etwa ein halber Liter enthalten war.

Sicher scheint, dass die Frau ihren Rückfall ebenso wie ihr Gefühl der Überforderung mit dem Säugling vor dem Jugendamt zu verbergen versuchte. Sie habe Angst gehabt, dass ihr die Kinder weggenommen würden, schilderten Vernehmungsbeamte vor Gericht. Das Jugendamt des OSL-Kreises will sich zu Details des Falles aus Datenschutzgründen nicht äußern.

Manfred Thuns, Jugendamtsleiter in Spree-Neiße, sagt, dass ein Therapieabbruch eigentlich dem Jugendamt mitgeteilt werden müsste. Denn die Therapie selbst sei ein Teil der Hilfevereinbarung mit suchtkranken Eltern. Nach erfolgreicher Therapie schließe sich Nachsorge und Kontrolle an.

"Das ist aber auch nicht lückenlos", räumt Thun ein. Je kleiner ein Kind sei, um so eher sei es jedoch bei einer Gefährdung nötig, es vorübergehend aus der Familie zu nehmen. "Insgesamt werden die zu bearbeitenden Fälle immer schwieriger und komplexer", schätzt er ein.

Weiterbildung geplant

Ende Juni führen die brandenburgische Landesstelle für Suchtfragen und die Fachstelle Kinderschutz mit Vertretern der Jugendämter und anderer Sozialdienste deshalb ein Fachtagung durch. In Sachsen gab es im vorigen Jahr ähnliche Weiterbildungen. Ziel sei es, die Kooperation der verschiedenen Fachgebiete zu verbessern und ein Empfehlungspapier für die Jugendämter weiterzuentwickeln, so Hans Leitner, Leiter der Fachstelle Kinderschutz in Brandenburg.

Über Anzeichen informieren

Seit 2012 gebe das Bundes-Kinderschutz-Gesetz auch beruflichen Geheimnisträgern wie Ärzten und Therapeuten die Möglichkeit, Ämter über Anzeichen von Kindeswohlgefährdungen zu informieren. "Doch wissen das alle und machen auch davon Gebrauch?", fragt sich Leitner. Auch er räumt ein, dass trotz fachlicher Empfehlungen und rechtlicher Möglichkeiten die sachgerechte Entscheidung für Jugendamtsmitarbeiter im Einzelfall schwierig sein kann.

Dass suchtkranke Eltern auch Ämter erfolgreich täuschen können, habe jüngst ein Fall in Leipzig gezeigt. Um das Jugendamt loszu- werden, hatte dort eine süchtige Mutter sich wegen eines angeblichen Umzugs nach Süddeutschland abgemeldet. Kurz danach war ihr zweijähriger Sohn verdurstet und verhungert neben der Leiche seiner an einer Überdosis verstorbenen Mutter gefunden worden.

Insgesamt, so der Leiter der Fachstelle Kinderschutz in Brandenburg, sei die Arbeit der Jugendämter aber gut. Eine Untersuchung aller Todesfälle von Kindern unter Betreuung der Ämter innerhalb von sechs Jahren habe gezeigt, dass in keinem Fall ein Fehler im System vorlag, betont Hans Leitner. "Es war immer ein individuelles Versagen oder das Zusammenkommen ganz besonderer Umstände, die den Tod von Kindern ermöglichten", so Leitner.

Gefährdet seien die Jüngsten, auch das zeige die Statistik. Ein Drittel der Kinder, die in der häuslichen Umgebung eines nicht natürlichen Todes sterben, kommt gleich nach der Geburt ums Leben. Ein weiteres Drittel stirbt, bevor die Kinder sechs Monate alt werden. Je jünger das Kind, desto höher das Risiko, laute deshalb ein Grundsatz der Arbeit von Jugendämtern.

Dass es einen perfekten Kinderschutz durch noch bessere Gesetze und noch ausgefeiltere Helfersysteme geben könnte, sei jedoch eine Illusion, so Leitner: "Es wird immer Situationen geben, die uns verborgen bleiben."

Zum Thema:
Jugendämter in der Region beobachten bei crystalabhängigen Eltern oft wenig Einsicht in eine Therapienotwendigkeit. Ein zusätzliches Problem seien die oft monatelangen Wartezeiten zwischen dem Entzug und der sich notwendigerweise anschließenden Psychotherapie.Einen Hinweis auf die steigende Zahl crystalabhängiger Mütter liefern auch Zahlen einer Arbeitsgruppe der Sächsischen Landesärztekammer. Danach wurden 2007 im Freistaat 47 Babys geboren, die durch den Drogenkonsum geschädigt waren oder nach der Entbindung Entzugserscheinungen hatten. 2014 waren es schon 176 betroffene Neugeborene. sim