| 02:45 Uhr

Säbelrasseln und Krisendiplomatie

Gefangen im eigenen Stützpunkt: Ein Soldat ohne Hoheitsabzeichen bewacht den Eingang zum Hauptquartier der ukrainischen Marine in Sewastopol. Hinter dem vergitterten Fenster beobachtet ein ukrainischer Matrose die gespenstische Szenerie.
Gefangen im eigenen Stützpunkt: Ein Soldat ohne Hoheitsabzeichen bewacht den Eingang zum Hauptquartier der ukrainischen Marine in Sewastopol. Hinter dem vergitterten Fenster beobachtet ein ukrainischer Matrose die gespenstische Szenerie. FOTO: dpa
Kiew. "Dritter Weltkrieg" kontra "verbrecherischer Putsch": Die heftigsten Schlachten in der Krim-Krise haben Ukrainer und Russen am Dienstag verbal geschlagen. Ulrich Krökel / ukr1

. In de r Obersten Rada, dem Parlament in Kiew, warnte der aussichtsreiche Präsidentschaftskandidat Petro Poroschenko in drastischen Worten vor einer Eskalation der Gewalt. Ein Einmarsch russischer Truppen im Osten der Ukraine werde unweigerlich in einen Dritten Weltkrieg führen, sagte der prowestliche Oligarch. Der russische Präsident Wladimir Putin seinerseits attackierte bei einer Pressekonferenz in Moskau die Übergangsregierung in Kiew scharf. Sie habe einen "verfassungswidrigen Umsturz und eine verbrecherische Machtergreifung" organisiert. Gewählter Präsident sei weiterhin der von der Rada abgesetzte Viktor Janukowitsch. Eine andere legitime Regierung gebe es in Kiew nicht, sondern ein "Regime des Terrors".

Das verbale Säbelrasseln übertönte erste Signale der Entspannung. Das russische Militär beendete ein Manöver in Grenznähe zur Ukraine, das der kleinere Nachbar als Provokation gewertet hatte. Zudem ließ die Armeeführung ein Ultimatum zur Kapitulation folgenlos verstreichen, das sie ukrainischen Einheiten auf der Krim gestellt hatte. Nach Angaben aus Kiew hat Russland die Schwarzmeer-Halbinsel durch den Einsatz von 16 000 Soldaten faktisch okkupiert. Putin äußerte sich zugleich vorsichtig optimistisch zu diplomatischen Bemühungen, den Konflikt durch eine internationale Kontaktgruppe beizulegen. Deren Einsetzung sei "im Prinzip möglich". Allerdings unterstrich der Kremlchef, dass Russland unter den gegenwärtigen Bedingungen kein Wahlergebnis in der Ukraine anerkennen werde. "Es herrscht dort eine revolutionäre Situation." Derzeit sehe er zwar keine Notwendigkeit, die Armee in das Nachbarland zu entsenden, erklärte Putin, fügte aber hinzu: "Diese Möglichkeit besteht."

Um der neuen ukrainischen Führung den Rücken zu stärken, reiste am Dienstag US-Außenminister John Kerry nach Kiew. Demonstrativ machte der amerikanische Chefdiplomat zunächst an jener provisorischen Gedenkstätte in der Nähe des Unabhängigkeitsplatzes Maidan Halt, an der die siegreichen Revolutionäre an die Toten der Kämpfe Ende Februar erinnern. Die Zahl der Opfer, die vor allem durch Schüsse von Scharfschützen starben, stieg nach jüngsten Angaben auf 98.

Bereits zuvor hatte Kerry die Nachricht lanciert, dass die US-Regierung noch in dieser Woche über Sanktionen gegen Russland entscheiden werde. Im Gepäck hatte der Außenminister zudem die Zusage des Weißen Hauses über eine Milliarde Dollar Finanzhilfe.

Fast zeitgleich mit Kerry traf auch eine Delegation des Internationalen Währungsfonds in Kiew ein, die bis Mitte März über neue Milliardenkredite für das wirtschaftlich schwer gebeutelte Land verhandeln will. Nach Angaben der Übergangsregierung benötigt die Ukraine bis zu 35 Milliarden Dollar, um den Staatsbankrott dauerhaft abwenden zu können. Die USA wollen die neue Führung in Kiew aber auch mit Experten unterstützen. So soll ein US-Team bei der Fahndung nach jenen Milliardenvermögen helfen, die der abgesetzte Präsident Janukowitsch und seine korrupten Hintermänner ins Ausland geschafft haben .