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Saddam trauert kaum ein Iraker nach

In der Hauptstraße des Bagdader Innenstadtviertels Karade pulsiert das Leben. Sie ist die Handelsmeile für moderne Konsumgüter: Fernsehgeräte, Satelliten-Empfänger und -Antennen, Kleider und Schuhe finden reißenden Absatz. Von Gregor Mayer

Nach dem Sturz des Saddam-Regimes hat die amerikanische Besatzungsbehörde die Einfuhrzölle aufgehoben. Trotzdem zahlen die Händler heute um zehn Prozent höhere Einkaufspreise. Die Spediteure erheben den Zuschlag wegen des Risikos, das sie eingehen, wenn ihre Lastwagen die Importwaren von den irakischen Grenzen durch von Banditen kontrollierte Gebiete nach Bagdad fahren.
"Ich habe das Geschäft am dritten Tag nach dem Fall von Bagdad wieder aufgemacht", erzählt der 23-jährige Mohammed Sabah stolz. Er führt den Schuhladen seines Vaters. "Am Anfang hatte ich allerdings drei bewaffnete Wächter." Nach dem 9. April, als die Amerikaner Bagdad einnahmen und das Regime von Saddam Hussein in sich zusammenfiel, brach in der ganzen Stadt Anarchie aus. Plünderer zogen durch die Straßen und brachen ein, wo sich ihnen niemand in den Weg stellte. In geschäftigen Vierteln wie Karade ist heute die Lage ungleich besser. Doch bewaffnete Raubüberfälle sind immer noch häufig und beeinträchtigen das Sicherheitsgefühl von Menschen, die an die niedrige Kriminalitätsrate eines Polizeistaates gewohnt sind.
Auch Sabah fühlt sich nicht sicher und hat für alle Fälle im Hinterzimmer eine Waffe bereit liegen. Saddam und seinen Schergen trauert er aber nicht nach. Dass sich der Despot am letzten Freitag mit einem wahrscheinlich authentischen Tonband aus dem Untergrund zurückmeldete, lässt Sabah kalt. "Der kommt nicht mehr zurück", sagt er achselzuckend. "Wer soll ihm denn noch folgen„ Wo war er denn, als Bagdad zu verteidigen gewesen wäre“"
Viele Iraker denken ähnlich. Einen schlechten Schlaf beschert Saddams Botschaft lediglich jenen, die für amerikanische Einrichtungen arbeiten. "Ich weiß nicht, ob ich diesen Job noch weitermachen soll", klagt Ibrahim, ein Journalist, der für ein amerikanisches TV-Netzwerk arbeitet. Ihm gibt zu denken, dass Saddam in drohendem Ton verlangte, dass seine ehemaligen Untertanen jegliche Zusammenarbeit mit den Amerikanern einstellen. Und dass am Tag danach in Ramadi, westlich von Bagdad, mitten in einer Feier für irakische Polizeirekruten eine Bombe detonierte. Sieben Menschen wurden getötet, mindestens 40 verletzt. Die Rekruten hatten eben einen von den Amerikanern organisierten Lehrgang absolviert.
Für den Politologen Wamidh Omar Nadhmi wiederum war Saddams Lebenszeichen aus der Versenkung "so narzisstisch wie immer". Kein Wort der Selbstkritik, keine Einsicht in die Verantwortung für die Peinigung des eigenen Volkes und für die eigene Niederlage sei angeklungen. "Der begrenzte, aber wachsende Widerstand (gegen die Amerikaner) hat nichts oder nur sehr wenig mit ihm zu tun, trotzdem versuchte er den Eindruck zu erwecken, als ob er ihn anführte", meint Nadhmi.