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„Saddam Hussein wird Angst vor seinem Schatten haben“

Bei einem Anschlag in der Region Mossul sind gestern drei US-Soldaten getötet worden. Dies teilte ein Sprecher des US-Militärkommandos mit. Außerdem seien bei einem Zwischenfall in Bagdad zwei Iraker erschossen worden. In Mossul waren die Söhne des Ex-Diktators Saddam Hussein, Udai und Kusai, von US-Soldaten bei der Erstürmung ihres Verstecks getötet worden. Angesichts der Zweifel daran wollen die USA jetzt die Fotos der Leichen veröffentlichen. Von Nadra Saouli


Dass Udai und Kusai Hussein tot sind, schmerzt wahrscheinlich sogar ihren unerbittlichen Vater. Nicht nur, weil sie seine Söhne waren, sondern weil der entmachtete irakische Präsident mit ihnen auch seine beiden engsten politischen Vertrauten verlor. Insbesondere ohne seinen jüngeren Sohn Kusai dürfte der frühere Staatschef nicht weit kommen, denn der verwaltete für ihn die Finanzen. So soll sich Kusai nur wenige Stunden vor Beginn des Irak-Kriegs Medienberichten zufolge auf Anweisung seines Vaters etwa eine Milliarde Dollar von der irakischen Zentralbank haben auszahlen lassen. Wenn er noch lebt, wird die Luft für Saddam Hussein immer dünner.

Von Saddam fehlt jede Spur
Nach dem Tod seiner Söhne konzentrieren sich die US-geführten Streitkräfte nun auf den Ex-Machthaber: Seine Ergreifung sei nunmehr das "wichtigste Ziel" der US-Truppen im Irak, gab US-Generalleutnant Ricardo Sanchez in Bagdad bekannt. Zwei Drittel der meistgesuchten Iraker konnten die USA bislang von ihrer Fahndungsliste streichen - aber von der Nummer Eins, dem "Pik-Ass" selbst, fehlt auch gut drei Monate nach dem Fall Bagdads jede Spur: Saddam Hussein ist spätestens seit dem Fall der Hauptstadt am 9. April verschwunden.
Doch der Ex-Staatschef wird immer mehr zum einsamen Mann. Seit Beginn des Irak-Krieges kamen Saddam Hussein nach und nach die wichtigsten Vertrauten abhanden. Sein Sekretär Abdel Hamid Mahmud ging den US-geführten Streitkräften bereits am 16. Juni ins Netz, seine beiden Halbbrüder und Berater Watban Ibrahim Hassan und Barsan Ibrahim Hassan wurden schon Mitte April gefasst. "Saddam Hussein wird künftig Angst vor seinem eigenen Schatten haben", schätzt Hoschijar Sebari, der Sprecher der Demokratischen Partei Kurdistans (DPK). "Denn die einzigen Leute, denen er vertraut hat, sind verschwunden."
Mit dem Tod der beiden Hussein-Söhne könnten nun nach Sebaris Einschätzung auch die anti-amerikanischen Angriffe abnehmen, jedenfalls langfristig. Vielleicht würden treue Anhänger in den kommenden Wochen vermehrt Anschläge verüben, um den Tod der beiden Brüder zu rächen. Auf mittlere Sicht werde das Netz der alten Regierungsanhänger aber nicht mehr funktionieren, die Angriffe würden deshalb zurückgehen, vermutet der Kurden-Politiker. "Kusai und Udai waren die Geldgeber hinter den bewaffneten Anschlägen auf die US-Truppen", sagt der DPK-Sprecher. "Und sie waren es, die mit den verschiedenen Kommandos in Kontakt standen." Anschläge und Angriffe aus dem Hinterhalt auf die US-geführte Besatzungsmacht waren zuletzt an der Tagesordnung. Mindestens 41 US-Soldaten wurden dabei seit dem Ende der offiziellen Kampfhandlungen am 1. Mai getötet.
Durch den Tod seiner Söhne sei zudem "der Handlungsspielraum des ehemaligen Diktators eingeschränkt", vermutet der DPK-Sprecher. Wer bislang noch auf Saddam Husseins Rückkehr gehofft habe, müsse nun eines Besseren belehrt worden sein. "Und diejenigen, die bislang noch zögerten, bei der Ergreifung von Saddam zu helfen, werden zu einem Entschluss kommen und zusammenarbeiten", meint Sebari. Zusätzliches Lockmittel für die Kooperation mit den US-Streitkräften dürften die 25 Millionen Dollar sein, die auf Saddam Hussein ausgesetzt sind.

Angst scheint zu schwinden
Die Angst vor der entmachteten Führung scheint in der Bevölkerung jedenfalls zu schwinden. Saddam Hussein sei "ein Krebsgeschwür, das man mit der Wurzel ausreißen muss", sagt ein Händler im heruntergekommenen Bagdader Vorort Sadr. Nicht einmal auf seine Stammesangehörigen kann der ehemalige Präsident mehr zählen, wie Sebari sagt: "Er stammt aus einer bescheidenen Familie in Tikrit und gehört überhaupt keinem Volksstamm an." Nur seiner Frau Sadschida, der Mutter von Kusai und Udai, habe es Saddam Hussein zu verdanken, dass er wenigstens mit einem Volksstamm verknüpft sei.
Und offenbar kann Saddam Hussein auch seinen Anhängern nicht mehr trauen: Der Stammesführer, in dessen Haus in der nordirakischen Stadt Mossul Udai und Kusai vor ihrem Tod Unterschlupf fanden, soll die US-Armee selbst darüber unterrichtet haben, dass die beiden Präsidentensöhne bei ihm Zuflucht suchten.