Der Freistaat Sachsen wird in der kommenden Woche einen Gutachter benennen, der für das Vorranggebiet des Tagebaus Nochten (Landkreis Görlitz) untersuchen soll, ob der geplante Abbau angesichts der beschlossenen Energiewende in Deutschland noch notwendig oder vermeidbar ist. Das kündigte Dr. Peter Heinrich vom Regionalen Planungsverband Oberlausitz-Niederschlesien an.

Das Gutachten soll dazu voraussichtliche Kohleverbrauchsszenarien für die Versorgung des Kraftwerkes Boxberg angesichts steigender Mengen an erneuerbarer Energie im deutschen Stromnetz untersuchen und auch Aussagen dazu machen, wie dieses in Planung befindliche neue Tagebaufeld in die CO{-2}-Vermeidungsstrategie des Bundes passt, so Heinrich. Das Ergebnis soll spätestens bis Ende März vorliegen. Für den Aufschluss des Vorranggebietes Nochten, für den das Braunkohleplanverfahren läuft, müssten 1600 Menschen umgesiedelt werden. Die Energiewende habe grundlegende Veränderungen gebracht, die eine Überprüfung der bisherigen Annahmen notwendig machten, so Heinrich. "Die Entscheider in dem Planverfahren und die Betroffenen müssen mit einem guten Gefühl in die Zukunft sehen können." Ähnliche Überlegungen gibt es auch in Brandenburg, wo sich mit Welzow-Süd Teilfeld II und Jänschwalde-Nord zwei neue Kohlefelder im Braunkohleplanverfahren befinden. Deshalb hatte die für die Verfahren zuständige Gemeinsame Landesplanung Berlin-Brandenburg über das Wirtschaftsministerium in Potsdam ebenfalls eine neue Einschätzung der wirtschaftlichen Notwendigkeit für den Kohleabbau im Feld Welzow-Süd II erbeten. Nach Auskunft des zuständigen Referatsleiters Klaus-Otto Weymanns sei diese Bewertung, zu der externer Sachverstand herangezogen wurde, in dieser Woche vorgelegt worden. "Wir werden dieses Gutachten relativ kurzfristig veröffentlichen", kündigt Weymanns an. Zum Inhalt äußerte er sich noch nicht.

Die weitere Entwicklung der Braunkohleverstromung in Deutschland angesichts des Atomausstiegs und des Zuwachses an Wind- und Solarstrom wird zurzeit sehr kontrovers diskutiert. Eine kürzlich vorgelegte Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) sieht den Braunkohlestrom im Rheinischen und im Lausitzer Revier im Niedergang. Weder neue Kraftwerke noch neue Tagebaue seien notwendig, so die Autoren um Professor Christian von Hirschhausen. Massive Kritik an Hirschhausen übte der Braunkohleverband Debriv. Er warf dem DIW-Wissenschaftler vor, grundlegende Annahmen seiner Untersuchung seien schlicht falsch.

Debriv geht davon aus, dass der Braunkohleanteil an der deutschen Stromversorgung in den nächsten 20 Jahren auf dem derzeit hohen Niveau von 25 Prozent bleiben und auch danach nicht schlagartig zurückgehen wird. Auch die Deutsche Energieagentur (Dena) geht davon aus, dass Kraftwerke mit fossilen Brennstoffen 2050 noch eine wesentliche Rolle bei der Stromerzeugung in Deutschland spielen werden. Der Energiekonzern Vattenfall erzeugte 2012 in der Lausitz soviel Braunkohlestrom wie seit 20 Jahren nicht mehr.