Am Sonnabend in der Leipziger Südvorstadt wurde das Problem überdeutlich. Menschenmassen standen dort vor einer neuen Kita an, die im August ihren Dienst aufnimmt.

Die Kindertagesstätte "Tillj" der Johanniter hatte zum Anmeldetag 165 Betreuungsplätze zu vergeben. Gekommen waren aber mehr als 450 Eltern. Manche von ihnen waren schon früh um sechs Uhr da. Einige hatten Bewerbungsmappen mitgebracht, um auf Nummer sicher zu gehen. Die Szene spricht Bände.

Inzwischen ist in der Stadt von einem "Kita-Notstand" die Rede. Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) räumte ein, dass die Stadt aktuell 1500 zusätzliche Plätze bräuchte. Und warum die nicht da sind, das begründet er so: "Ein Kind wächst neun Monate im Bauch der Mutter, und eine Kindertagesstätte können Sie nicht unter zwei bis drei Jahren bauen." Hinzu kämen noch die vielen Kindergartenkinder, die in die Stadt ziehen.

Seit zehn Jahren baut Leipzig seine Betreuungskapazitäten kontinuierlich aus. In den zurzeit 245 Kindertagesstätten haben laut Stadtverwaltung 27 000 Kinder Platz. Allein in diesem Jahr sollen sechs Einrichtungen neu gebaut und zwei bestehende erweitert werden. Bringen soll das in Summe rund 1000 Plätze. Doch der Bedarf steigt weiter. Bis zum Jahr 2019 würden noch 3000 Plätze gebraucht, erwartet Oberbürgermeister Jung.

Das Thema Kinderbetreuung ist für Leipzig besonders heikel, denn hier hatten im vergangenen Jahr drei Mütter gegen das Rathaus geklagt. Sie hatten kurz nach der Geburt ihrer Kinder Kita-Plätze beantragt, waren aber leer ausgegangen.

Weil sie erst Monate später wieder arbeiten konnten, verlangen sie von der Stadt Ersatz für den Verdienstausfall. Das Landgericht Leipzig gab den Müttern recht. Das Oberlandesgericht revidierte das Urteil aber später. Vor dem Bundesgerichtshof indes hatten die Klägerinnen Erfolg. Nun muss im Juni das Oberlandesgericht in Dresden entscheiden, ob die Stadt Leipzig ihren Kitaplatz-Bedarf falsch ermittelt hat und damit Entschädigung leisten muss.

Entspannter als Leipzig ist Dresden bei seiner Planung. Die Landeshauptstadt rechnet nur noch bis 2020 mit steigenden Kinderzahlen. Grund dafür ist laut Rathaus, dass viele Familien mit Kindern ins Umland umziehen. "Die wilden Jahre sind vorerst vorbei", sagte Bildungsbürgermeister Hartmut Vorjohann (CDU) im März bei der Vorstellung des Kita-Plans. Denn acht Jahre lang ging es auch in Dresden nur nach oben. Um den Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz in Dresden erfüllen zu können, musste die Stadt jährlich rund 1500 neue Plätze schaffen. Das habe "immense finanzielle und personelle Kräfte" gekostet, so Vorjohann. Vorerst würden knapp 900 zusätzliche Plätze pro Jahr reichen.

Auch die dritte sächsische Metropole freut sich über steigende Geburtenzahlen. Allerdings reichen Chemnitz eher bescheidene Zuwächse bei den Kita-Plätzen. Aktuell plant die Stadt drei neue Einrichtungen mit je 100 Plätzen. Damit es schneller geht, werden dafür Raumzellen-Container aufgestapelt.

Anspruch auf Betreuungsplatz
Seit dem 1. August 2013 haben Kinder ab dem ersten Geburtstag per Gesetz einen Anspruch auf einen Betreuungsplatz in einer Kita oder bei einer Tagesmutter. Das Kinderförderungsgesetz verpflichtet Kommunen, ausreichend Betreuungsplätze zur Verfügung zu stellen.

Im Oktober 2016 entschied der Bundesgerichtshof in Karlsruhe, dass Kommunen verpflichtet werden können, Eltern bei fehlenden Betreuungsplätzen Schadenersatz zu zahlen. Voraussetzung ist, dass die Kommune bei der Bedarfsplanung daneben lag.