Frage: Herr Zschocke, vor vier Wochen gaben Sie der CDU einen Korb. Das hat Sachsens Grünen den Vorwurf eingehandelt, sie scheuten die Verantwortung.

Volkmar Zschocke: Wir haben weder Angst vorm Regieren noch vor der CDU. Unsere Parteitags-Delegierten haben sich der Einschätzung der Sondierungsgruppe angeschlossen, dass die Gestaltungsmöglichkeiten für grüne Politik in einer Koalition mit der Union zu gering wären. Für uns ist Regieren kein Selbstzweck. Mit der Aussicht auf Macht und Posten kann man doch die Grünen nicht locken. Da muss es echte Reformschritte und Innovationen geben. Die waren nicht vorhanden.

Vollzieht der Landesverband gerade einen Linksruck, wie ja einige vermuten?

Die Landesversammlung hat eine sehr nüchterne und pragmatische Entscheidung getroffen. Die Geschichte vom Linksruck erzählen die enttäuschten Träumer, die die Realität nicht wahrhaben wollen.

Welche Träumer?

Die, die nicht ernst nahmen, mit welchem Programm wir uns zur Wahl gestellt haben. Man kann nicht in Koalitionsverhandlungen eintreten, wenn schon zuvor deutlich wird, dass bei wichtigen Fragestellungen kein Kompromiss zu finden ist. Das ist weder ein Linksruck noch ein Rechtsruck der GRÜNEN, das ist die Anerkennung der Realität in Sachsen.

Opposition mit den Linken und der AfD. Was haben Sie vor?

Wir wollen natürlich die Diskussionen über Zukunftsfragen im Lande führen, das vermissen viele in der sächsischen Gesellschaft. Die führen wir nicht in der grünen Nische, nicht nur mit denen, die uns nahestehen. Der AfD können wir nicht die Hand reichen. Unser Gesellschaftsbild und Familienbild sind der Gegenentwurf zu den Vorstellungen dieser Partei. Wir werden die AfD dort, wo sie eine rechtspopulistische Politik betreibt, entlarven. Die AfD wird gewählt, weil diese Stimmungen und Meinungen in der Gesellschaft vorhanden sind. Damit werden wir uns in der Sache auseinandersetzen.

Laut Analysen haben am 31. August auch 3000 Grünen-Anhänger die AfD gewählt. Wie erklären Sie sich das?

Alle anderen Parteien haben deutlich mehr frühere Wähler an die AfD verloren als die Grünen. Doch bei den Motiven für Wählerwanderungen sind wir schnell im Bereich der Spekulation. Wir haben einen sehr umfangreichen Prozess gestartet, um zu analysieren, warum wir nicht das angestrebte Wahlergebnis erzielen konnten. Wir nehmen uns dafür Zeit, da möchte ich nicht vorgreifen.

Ihnen bleibt als ernst zu nehmender Partner in der Opposition nur die Linke. Wie wird das für Sie? Sie kommen aus der Bürgerbewegung der späten DDR.

Das ist für mich persönlich wirklich eine spannende Frage. Klaus Bartl, der stellvertretende Vorsitzende der Fraktion Die Linke, hatte alle Spitzelberichte zu mir auf dem Tisch. Er war Abteilungsleiter Staat und Recht bei der SED-Bezirksleitung Karl-Marx-Stadt. Ich habe Fahrraddemonstrationen und Ausstellungen organisiert und Wehrdienstverweigerer beraten. Er war Teil des Repressionsapparats, darüber rede ich mit ihm auch. Der historische Fakt ist aber nicht das Entscheidende, sondern, wie einer heute damit umgeht. Das gilt auch für Vertreter der CDU. Wichtig ist die Bereitschaft zur Aufarbeitung. Das ist ein Streit, den wir mit den Linken haben. Wir erwarten, dass sie sich öffentlich abgrenzen von Leuten, die die DDR und das Repressionssystem verherrlichen. Solche Gruppen gibt es noch, die agieren zum Teil in Wahlkreisbüros der Linken. Wer leugnet, dass die DDR ein Unrechtsstaat war, mit dem können wir nicht zusammenarbeiten.

Die langjährige Grünen-Fraktionschefin Antje Hermenau hat hingeschmissen. Auf Bundesebene gab es Ärger um Winfried Kretschmann in der Asyldebatte. Hat die Partei was gegen starke Persönlichkeiten?

Die Partei lebt von starken Persönlichkeiten, davon sitzen jetzt acht im Landtag. Wichtig ist, dass wir im Team spielen. Wir neuen Abgeordneten haben in kürzester Zeit Handlungsfähigkeit hergestellt, ohne Ellenbogen.

Hat die Partei etwas gegen Verantwortung?

Da antworte ich gern konkret: Ich übernehme gern Verantwortung, das habe ich in den letzten Jahren bewiesen. Aber das geht nur gemeinsam. Ich habe bis zum Statement von Antje Hermenau beim Parteitag in Leipzig nicht gewusst, dass sie ihren Rückzug erklären wird. Es geht nicht darum, dass sie eine starke Persönlichkeit ist oder dass sie sich nach zehn Jahren im Landtag für einen anderen Lebensweg entscheidet. Aber um in einer schwierigen Situation handlungsfähig zu sein, gehört Abstimmung dazu.

Frau Hermenau hat ihre Gründe seit Leipzig umfangreich erklärt. Was denken Sie darüber?

Die Gefühle von Antje Hermenau habe ich nicht zu kommentieren. Aber ich sehe die Partei mit Vorwürfen konfrontiert, die ich so nicht nachvollziehen kann.

Was genau?

Dem Vorwurf, es hätte im Wahlkampf keine abgestimmte Strategie gegeben, muss ich klar widersprechen. Wir haben in den Gremien mit großer Mehrheit und mit Antje eine gemeinsame Strategie entwickelt, beschlossen und umgesetzt.