Der Ministerpräsident ringt um Erklärungen. Doch ihm fällt nicht viel ein. Tillich sagt, er verurteilt die Taten, von denen ganz Deutschland spricht. Er will den Pöblern von Clausnitz und Bautzen "deutlich Grenzen zeigen". Der Saal in der Dresdner Staatskanzlei ist voll mit Presse, alle wollen wissen, was Tillich gegen die Umtriebe im Land zu tun gedenkt.

Tillich spricht langsam, schaut dabei ins Leere, wirbt um Verständnis für eine Lage, die er selbst nicht mehr versteht. Er wehrt sich gegen Wertungen, die ganz Sachsen in Misskredit bringen. Da seien "einige wenige, die sich außerhalb der Rechtsordnung stellen" und damit "die Arbeit Tausender draußen im Land zunichtemachten", betont er.

Nichts Neues vom Landesvater

Tillich sagt genau das, was er immer wieder gesagt hat. Nach dem Brandanschlag auf eine noch unbewohnte Flüchtlingsunterkunft in Meißen im Juni 2015. Nach Freital im Juli, wo wütende Bürger gegen ein Heim in ihrer Nachbarschaft anschrien. Nach Heidenau im August, wo Straßenschlachten tobten und die Kanzlerin in Tillichs Beisein von einem Mob ausgebuht wurde. Ganz zu schweigen vom ewigen Grundrauschen der wöchentlichen Pegida-Demos. Immer sprach der Regierungschef hinterher von Schmach und Schande, Empörung und Fassungslosigkeit. Was bleibt noch übrig zu sagen nach diesem Wochenende, als es wieder brannte tief im Inneren der sächsischen Provinz.

Seit eineinhalb Jahren ist Stanislaw Tillich als Brandmeister unterwegs. Wo immer sich wieder das hässliche Sachsen zeigt, das gegen Flüchtlinge ausfällig wird, lässt der Ministerpräsident erst seine Mannschaft löschen und wartet ein paar Tage, um dann Grundsätzliches zu sagen. Die Abstände zwischen den Notfällen werden immer kürzer. Eins ist gleich geblieben: Tillich dringt nicht durch. Am Montagabend war ein derangierter Ministerpräsident im ZDF-Interview zu sehen. Er verglich die Situation in Sachsen mit den Protesten um Stuttgart 21. Was er meinte, wurde nicht klar. Er meinte, hier wie da sind zwei gegensätzliche Positionen ineinander verkeilt, die eine Lösung unmöglich machen.

Wichtige Stimme der Länder

Stanislaw Tillich galt lange als Strahlemann. Der 56-Jährige ist dritter Ministerpräsident Sachsens nach der Wende und der erste Sachse im Amt. Als Herr eines wirtschaftlich starken Freistaats hat er eine vernehmliche Stimme im Chor der Länderchefs. Zeitweise reichte seine Anwesenheit, um den Sachsen zu zeigen, dass alles gut läuft. Tillichs Mantra: Ein funktionierendes Bundesland ist wie ein Auto, dessen Motor ruhig summt. Jetzt stockt der Motor gewaltig.

Die Flüchtlingskrise hat Tillich von den Landsleuten und von seiner Partei entfernt. Da sind Bürgermeister, die zusammen in einem offenen Brief ein Umsteuern in der Asylpolitik fordern, ohne selber Flüchtlinge aufgenommen zu haben. Da sind CDU-Landtagsabgeordnete, die in ihren Wahlkreisen gegen Bundesregierung und Medien trompeten. Da sind CDU-Bundestagsabgeordnete wie Veronika Bellmann, die meint, eine "schweigende Mehrheit" im Land wolle eben keinen "Vielvölkerstaat", in dem die Grenzen von Religion und Herkunft geschliffen würden. Zu Bellmanns Wahlkreis Mittelsachsen gehört auch Clausnitz, wo am Donnerstag ein wütender Trupp einen Flüchtlingsbus blockierte. Viele Leute hier würden eben nicht mehr an den Rechtsstaat glauben, sagte die Abgeordnete jüngst in einem Interview und äußerte Verständnis. Wie nicht wenige CDU-Funktionsträger im Land.

Die Opposition regt das seit Langem auf. "Genau solche Äußerungen geben den Leuten das Signal, dass das alles Okay ist", meint der Linken-Bundestagsabgeordnete Michael Leutert aus Chemnitz. Woher die Blockierer von Clausnitz und die Gaffer von Bautzen kommen, ist für Leutert klar. "Die Neonazis, die uns in den 90-ern durch die Stadt gejagt haben, die kommen heute zu solchen Protestaktionen." Manche bringen auch ihre Kinder mit.

Wie wieder Frieden werden soll, weiß keiner. Tillich kündigte gestern eine Verständigung mit allen sächsischen Demokraten an. Man müsse gemeinsam "solchen Umtrieben Einhalt gebieten". Mehr Geld für Demokratieprojekte soll es geben, dazu mehr Polizeistellen. Statt 400 Neueinstellungen pro Jahr wird jetzt auf 500 aufgestockt. Polizei und Staatsanwaltschaften ermittelten auf Hochtouren, um Gewalttäter festzusetzen. Der Regierungschef will "alles tun, damit das Ansehen Sachsens nicht weiter Schaden nimmt" - und dem Eindruck begegnen, es würde nichts gegen Rechtsextreme getan.

Verständigung bleibt schwierig

Und er will Verständigung. Die für Freitag geplante Dankes-Party für Flüchtlingshelfer war als große Geste gemeint. 2000 Ärzte, Bürgermeister und Ehrenamtliche sind eingeladen. Doch dann passierte ein Lapsus, als aus Versehen eine Einladung an einen Pegida-Organisator rausging. Jetzt haben einige Helfer ihre Einladungen zerrissen. Verständigung braucht Geduld.