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| 03:06 Uhr

Zwickau will mit Luther punkten

Zwickau. In die Riege der deutschen Lutherstädte will Zwickau nicht aufsteigen. Doch mit ihrer immer noch recht unbekannten Rolle während der Reformation will die Robert Schumann- und Automobilstadt verstärkt um Besucher werben. Claudia Drescher

Europaweit war Zwickau die zweite Stadt, in der sich die Reformation 1523 durchsetzen konnte. Aber in Sachen Luther ist die westsächsische Kommune noch immer ein Geheimtipp. "Die Stadt Zwickau hat diesen Fakt über viele Jahre leider nicht groß nach außen getragen", sagt Kulturamtschef Michael Löffler. Der zweite Platz hinter der Lutherstadt Wittenberg sei lange Zeit nicht viel wert gewesen. Auch nicht bei den Zwickauern selbst.

Dabei gilt Zwickau unter Reformationsexperten als Adresse, an der man nicht vorbeikommt. So war die Muldestadt für ganz Westsachsen Keimzelle der Reformation. Zudem können Wissenschaftler in der Zwickauer Ratsschulbibliothek auf Spurensuche gehen wie an kaum einem anderen Ort. "Wir haben in unseren Beständen sowie im Stadtarchiv unzählige Original-Dokumente über diese Zeit", erklärt Bibliotheksleiter Lutz Mahnke. So bewahre die älteste wissenschaftliche Bibliothek Sachsens etwa den Nachlass von Christian Daum auf, der als Sammler Drucke und Handschriften aus dem 16. Jahrhundert zusammentrug.

A uch aus dem Vermächtnis des Zwickauer Stadtschreibers Stephan Roth, eines Zeitgenossen Martin Luthers (1483-1546), lasse sich vieles entnehmen, sagt Mahnke. Er verweist etwa darauf, dass in Zwickau bereits drei Jahre nach Luthers Anschlag der 95 Thesen 1517 die ersten Gottesdienste auf Deutsch abgehalten wurden. Ab 1521 standen Zwickauer Bürger mit dem Reformator aus Wittenberg in Kontakt. Dem damaligen Zwickauer Bürgermeister Hermann Mühlpfort habe Luther sogar seine nach der Bibelübersetzung wohl bekannteste Schrift "Von der Freiheit eines Christenmenschen" gewidmet.

"Schon 1525 waren in Zwickau sämtliche katholischen Zeremonien abgeschafft", ergänzt Christian Otto, Beauftragter der Sächsischen Landesregierung für die Lutherdekade. Zudem sei Thomas Müntzer auf Empfehlung Luthers als Prediger nach Zwickau gekommen. Doch als dessen radikalreformerische Ideen zunehmend für Unruhen sorgten, habe er Zwickau verlassen müssen. In der Folge reiste Luther persönlich an die Mulde, um die aufgebrachten Bürger zu beruhigen. "Nachweislich vier Mal predigte er hier vom 29. April bis 2. Mai 1522 vor bis zu 12 000 Menschen", berichtet Christian Otto.

Diesen Teil der Stadtgeschichte würden selbst die Zwickauer kaum kennen, geschweige denn der Rest Deutschlands. "Zu DDR-Zeiten wurde zwar Müntzer als revolutionärer Held der Bauernkriege gefeiert, Luther aus ideologischen Gründen aber größtenteils links liegen gelassen", erklärt sich Otto diesen Umstand. Die Lutherdekade ist die Chance, daran etwas zu ändern: Ausstellungen und Vorträge sollen bis 2017 - 500 Jahre nach der Reformation - Luthers Wirken in der Stadt beleuchten. Viele Gäste verspricht sich die Stadt auch vom 2011 eröffneten Lutherweg. Zudem sei ein eigener Band in der Reihe Europäische Lutherstätten geplant, und 2014 soll Zwickau Gastgeber für ein Treffen des Lutherstädteverbunds sein .

Lutz Mahnke denkt bereits über 2017 hinaus. "Wir haben so viel unerschlossenes Material, wir sollten uns wissenschaftlich noch viel stärker mit Martin Luther auseinandersetzen", sagt der Bibliothekschef.