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Zu wenige Familien wollen Pflegekinder aufnehmen

Sabine und Christian Lechner haben sich für die Betreuung eines Pflegekindes entschieden.
Sabine und Christian Lechner haben sich für die Betreuung eines Pflegekindes entschieden. FOTO: dpa
Dresden. Überforderte Eltern, vernachlässigte Kinder – in solchen Fällen greift das Jugendamt ein. Oft werden Pflegefamilien dann zum Zuhause auf Zeit. Im Freistaat gibt es davon aber zu wenig. Christiane Raatz / dpa

Ein Kind pinnt einen Zettel an die Wand: "Suche Zimmer bei lieber Familie". Mit solch einem Plakatmotiv wirbt etwa das Dresdner Jugendamt um Pflegefamilien.

Anwärter für den verantwortungsvollen Job werden überall in Sachsen gesucht. Werden keine Familien gefunden, bleibt meist nur die Unterbringung im Heim oder in Wohngruppen. "Es gibt bei Weitem nicht genügend Plätze", sagt der Vorsitzende des Landesverbandes für Pflege- und Adoptivfamilien, Heinrich-Hildebrand Albert. Viele trauten es sich nicht zu, ein fremdes Kind ins Haus zu holen. "Man muss sich darauf einstellen, dass es schwierig werden kann", sagt Albert, der neben drei eigenen Kindern gemeinsam mit seiner Frau fünf Pflegekinder großgezogen hat. "Aber für uns gehören sie einfach dazu."

Familien, die sich für diesen Schritt entscheiden, werden vom Jugendamt genau unter die Lupe genommen, bekommen Tipps und nehmen an Seminaren teil, bis schließlich eine Eignung erteilt wird. Die wichtigste Voraussetzung ist für Albert, dass die Familien bereit sind, sich auf das Kind einzulassen. "Dann entstehen Beziehungen und ein Zuhause, anders als in einem Heim."

Sachsens Sozialministerium zählte im Jahr 2011 rund 2400 Kinder und Jugendliche in Heimen oder Pflegefamilien. Rund 600 Jungen und Mädchen wurden zu diesem Zeitpunkt von einer Pflegefamilie neu aufgenommen, 2003 waren es noch rund 460.

Nach Einschätzung der Jugendämter wird es immer schwerer, geeignete Familien zu finden. "Die Probleme der Kinder und Jugendlichen werden immer komplexer, der Aufwand für die Erziehung steigt", sagt eine Ministeriumssprecherin. Oft bleibe es daher bei einem ersten Beratungsgespräch.

Wer sich entscheidet, einem fremden Kind ein Zuhause auf Zeit zu geben, bekommt finanzielle Unterstützung. Je nach Alter des Kindes liegen die Sätze zwischen 730 Euro und knapp 900 Euro pro Monat. Davon müssen etwa Kleidung, Unterbringung oder Essen bezahlt werden. "Eine goldene Nase kann sich die Pflegefamilie nicht verdienen", sagt die Leiterin des Dresdner Jugendamtes, Evelin Hipke-Schulz. Das Engagement für Kinder gehe über das Herz und nicht über das Konto. Im Jahr 2012 lebten in Dresden 243 Pflegekinder in 180 Pflegefamilien.

Eheprobleme, Arbeitslosigkeit, Krankheit, Suchtprobleme oder Gewalt können Gründe sein, warum das Jugendamt eine Pflegefamilie für Kinder sucht. Seit Jahren werden immer mehr Kinder zu ihrem Schutz in Obhut genommen. Waren es 2009 noch 390, stieg deren Zahl 2011 auf 553.

In Chemnitz leben 154 Jungen und Mädchen in 135 Pflegefamilien. "Vor allem für traumatisierte und bindungsgestörte Kinder ist es oft schwer, geeignete Familien zu finden", sagt ein Stadtsprecher. Prinzipiell könnten jüngere Kinder eher untergebracht werden als Teenager, die sich ohnehin langsam vom Elternhaus lösen.

Sowohl in der Kurz- als auch in der Dauerpflege übersteige die Nachfrage die angebotenen Plätze, berichtet eine Sprecherin des Leipziger Jugendamtes. Derzeit leben 430 Minderjährige aus Leipzig in Pflegefamilien. Rund 260 Jungen und Mädchen konnten einen Platz in ihrer Stadt bekommen, alle anderen wurden bei Familien in Sachsen oder anderswo in Deutschland untergebracht.

A uch Verwandte können zu Pflegeeltern werden - ebenso wie unverheiratete oder gleichgeschlechtliche Paare. Sie müssen laut Jugendamt vor allem Liebe, Geduld und Toleranz mitbringen und bereit sein, eng mit dem Amt und den leiblichen Eltern der Kinder zusammenzuarbeite n.