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Alleesterben
Das leise Sterben der Straßenbäume

Auch in diesen Tagen sind Baumpfleger  auf den Straßen unterwegs. Jedes Jahr werden viele  Bäume gefällt – leider ersatzlos.
Auch in diesen Tagen sind Baumpfleger auf den Straßen unterwegs. Jedes Jahr werden viele Bäume gefällt – leider ersatzlos. FOTO: Peter Förster / dpa
Dresden. Pendler wollen neue Straßen, Raser wollen breite Straßen, Bauträger wollen Kosten sparen, Politiker Bändchen durchschneiden. Dazwischen stirbt der Straßenbaum einen stillen Tod. Und keiner regt sich auf. Christine Keilholz

Ein Baum braucht Jahrzehnte zum Wachsen – abgesägt ist er dagegen in wenigen Stunden. Letzteres passiert in Sachsen immer öfter mit den Bäumen am Straßenrand, ohne dass neue nachgepflanzt werden. Der Landtagsabgeordnete der Grünen, Wolfram Günther, spricht von einem „alarmierenden Abwärtstrend“. Demnach verschwinden immer mehr Bäume an Sachsens Bundes- und Staatsstraßen, das Ausmaß wertet Günther als dramatisch. So wurden im vergangenen Jahr gerade mal 14 Prozent der gefällten Straßenbäume ersetzt. Das ergab eine Anfrage des Abgeordneten beim Dresdner Verkehrsministerium.

Insgesamt fielen zwischen 2010 und 2016 knapp 53 000 Straßenbäume der Säge zum Opfer – das ist ein Fünftel des gesamten Bestands. Der Ersatz für die gefällten Riesen fällt dagegen bescheiden aus. Nachgepflanzt wurden nicht einmal 22 000 Bäume. Der Grüne Günther spricht von einem „Kettensägenmassaker“, dem die schwarz-rote Staatsregierung „zunehmend apathisch“ zuschaue. 2010 wurden immerhin noch zwei Drittel der gefällten Bäume ersetzt. Gründe für das leise Verschwinden der Bäume am Fahrbahnrand gibt es viele. Zusammenfassen lassen sie sich so: Bäume zu pflanzen ist aufwendig und es ist nicht Pflicht. Der erste Akt des Dramas lässt sich hundertfach im ländlichen Raum verfolgen. Wo immer eine Fahrbahn erweitert wurde, ein neuer Kreisverkehr oder eine Unterführung entsteht, bleibt hinterher das Bild baumfreier Ordnung.

Umweltschützer haben dafür seit Jahren einen Schuldigen im Auge. Der trägt den sperrigen Namen „Richtlinie für den passiven Schutz an Straßen“. Diese Regelung aus dem Jahr 2009 wertet den Baum an der Straße in erster Linie als Verkehrshindernis und Sicherheitsrisiko. Um das zu mindern, sollen Bäume grundsätzlich auf mindestens 7,5 Meter vom Fahrbahnrand verbannt werden. Die Richtlinie empfiehlt zwar Neupflanzungen, macht sie aber praktisch unmöglich. Denn oftmals muss dafür Land zugekauft werden, was Baumaßnahmen verteuert und verzögert.

Pendler wollen schnell fahren, Lokalpolitiker wollen schnell Straßen einweihen, Bauträger wollen wenig ausgeben – in diesem Spiel ist der Baum das leichteste Opfer für alle. Oft regt sich nicht einmal jemand darüber auf. Es sei denn, ein identitätsstiftendes Kulturgut ist in Gefahr. Wie die Allee.

Von den Alleen, für die Brandenburg schon zu Zeiten der Hohenzollern berühmt war, ist heute nur noch die Hälfte erhalten. Wer damals mit der Kutsche fuhr, war dankbar für die Bäume, die Schatten spendeten, Wind und Regen fern hielten und bei Schnee die Fahrbahn markierten.

Wer heute im SUV mit 100 Sachen von Dorf zu Dorf prescht, der stört sich am Baum, der die Sicht verstellt. Zudem machen Streusalz, Mähmaschinen, Bagger und Trecker den alten Bäumen zu schaffen. Sind sie erst einmal weg, finden nicht nur Tiere keinen Schutz mehr.

Experten betonen, dass ein frisch gepflanzter Setzling nur einen Bruchteil der ökologischen Leistungen eines alten Baums erbringt – er produziert weniger Sauerstoff, dämmt weniger Lärm, spendet weniger Schatten. Um nach einer Fällung nur annähernd einen Ausgleich zu schaffen, müsse „bei Neupflanzungen wenigstens ein Verhältnis 1:3 oder darüber angestrebt werden“, fordert Wolfram Günther.

Auch müsse die kritisierte Richtlinie vom  2009  überarbeitet werden. Die Vorschriften darin sollten nicht nach der Höchstgeschwindigkeit auf einer Straße gehen, sondern nach der Verkehrsbelastung. Wo weniger gefahren werde, sollten Bäume in Ruhe wachsen können.