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Wo auch im Sommer Weihnachten ist

Weihnachtliche Gerüche gehören in der Kleinstadt Pulsnitz in der Westlausitz das ganze Jahr über zum Alltag. Selbst im Hochsommer duftet es hier und dort nach Nelken, Zimt oder Kardamon. Von ralf beunink

Der knapp 7000 Einwohner zählende Ort zwischen Dresden und Kamenz ist bekannt als Pfefferkuchenstadt. Bereits im Jahr 1558 wurde den Pulsnitzer Bäckern das Privileg zur Herstellung von Pfefferkuchen erteilt. Aus der Nebenbeschäftigung gründete sich ein eigenständiger Handwerkszweig, der seine handwerklichen Traditionen bis heute erhalten hat.
Seit 1992 ist der Name "Pulsnitzer Pfefferkuchen" sogar ein eingetragenes Markenzeichen. Heute backen noch neun überwiegend mittelständische Betriebe ganzjährig die weihnachtliche Lebkuchenspezialität. Einer von ihnen ist die Firma Georg Gräfe. Ob gefüllte oder ungefüllte Schokoladenspitzen, Elisenkuchen, Nussbissen, Honigzungen, Alpenbrot, Mandelmakronen oder Haselnusslebkuchen ¯ mindestens eine Tonne gelagerter Honig- oder Sirupteig aus Weizen- und Roggenmehl mit beigegebenen feinsten Gewürzen - im Mittelalter zu "Pfeffer" zusammengefasst - wird täglich zu Pfefferkuchen verbacken.
Pfefferküchlermeister Jürgen Nitsche übernahm das 1909 gegründete Familienunternehmen 1961 von seinem Großvater. Mitten im Sommer Lebkuchen zu produzieren ist für ihn schon längst nichts Außergewöhnliches mehr. "Natürlich verkaufen wir an warmen Tagen nicht so viel, aber an kühleren Tagen haben wir schon unsere Abnehmer", sagt Nitsche. Auch wenn ganzjährig produziert wird, bleibt Weihnachten nach wie vor die wichtigste Zeit. Bereits im Oktober stockt der 64-Jährige sein Personal daher von derzeit elf Beschäftigten auf bis zu
50 Mitarbeiter auf.
In ihrer mittlerweile 445-jährigen Geschichte trotzten die Pulsnitzer Pfefferküchler nach Angaben Nitsches bislang jeder Staatsform. In der DDR wehrten sie sich erfolgreich gegen eine Genossenschaftsgründung und nach der Wende errangen sie "nach siebenjährigem, hartnäckigem Kampf" die Anerkennung als Handwerk. Seit 1998 sind die Pfefferküchler in der Anlage A der novellierten bundesdeutschen Handwerkerordnung aufgeführt. Dadurch sei der Fortbestand weiterer Pfefferküchlergenerationen gesichert.