Der Gummibärchen-Hersteller Haribo produziert die letzten Gummibärchen im sächsischen Wilkau-Haßlau. Für die Haribo-Beschäftigten ist deswegen Freitag, der 18. Dezember 2020, ein schwarzer Freitag. „Es werden Tränen fließen“, sagte Betriebsratschef Maik Pörschmann vor dem geplanten Produktionsschluss.
Im Haribo-Werk in Sachsen, dem einzigen Standort des Süßwaren-Herstellers im Osten Deutschlands, stehen 150 Jobs auf dem Spiel. Zwar gibt es inzwischen einen Sozialplan für die Beschäftigten, den die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten mit ausgehandelt hat. Doch die Gewerkschaft ist enttäuscht von Haribo.
Der Grund: Angeblich hat Haribo ein Kaufangebot abgelehnt. Darüber berichtet das Wirtschaftsmagazin Business Insider. Demnach soll Haribo Anfang Dezember die Offerte des Schweizer Restrukturierungsunternehmens Gorlink AG ausgeschlagen haben, bei der alle Beschäftigten übernommen worden wären. „Wir haben Haribo am 8. Dezember ein Angebot gemacht, das Werk mit einigen Bedingungen zu übernehmen“, sagte Stephan Oberacher, Verwaltungsrat der Gorlink AG, laut Business Insider.

Übernahme-Angebot für Haribo-Werk in Sachsen

Das Angebot an Haribo war demnach, dass das Werk in Sachsen weiterhin für Haribo als Lohnfertiger hätte arbeiten sollen. Oder es wären Süßwaren-Produkte mit Haribo entwickelt worden, die dann als Handelsmarken-Ware hätten weitervertrieben werden könnten. Das heißt: Dies wäre dann auch eine Art Konkurrenz zu Haribos Produkten selbst gewesen.
„Haribo muss jetzt alle Karten auf den Tisch legen. Will das Unternehmen eine Nachfolgelösung oder einfach nur den Standort platt machen? Ist es bereit, das Werk auch an potenzielle Konkurrenten abzugeben? Diese Fragen müssen beantwortet werden“, fordert NGG-Gewerkschaftsvertreter Thomas Lissner laut Pressemitteilung vom Freitag, 18. Dezember.
Lissner droht demnach indirekt auch mit Protesten bei Haribo vor der Zentrale in Grafschaft (Rheinland-Pfalz). Laut NGG sind in die Gespräche zwischen Politik und der Haribo-Geschäftsleitung über einen möglichen Weiterverkauf des Werks bisher weder Gewerkschaft noch Betriebsrat einbezogen worden. „Wieder einmal wird versucht, eine Entscheidung über die Köpfe der Betroffenen hinweg zu treffen“, sagte Lissner.

CDU-Politiker: Vier Interessenten für Haribo-Werk in Sachsen

Nach Angaben des sächsischen CDU-Bundestagsabgeordneten Carsten Körber gibt es vier Interessenten für eine Übernahme des Haribo-Werks. Ihm zufolge hat es dazu am 10. Dezember Gespräche mit Beteiligung von Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer und Bürgermeister Stefan Feustel (beide CDU) im Rathaus von Wilkau-Haßlau gegeben und am 12. Dezember Verhandlungen mit „allen Akteuren“, darunter Vertretern der Geschäftsführung von Haribo aus Grafschaft.
Körber teilt auf seiner Website mit, dass sich Haribo seiner Wahrnehmung nach nun ernsthaft um eine Nachfolgeregelung am Standort bemühe. Er wertete dies nach eigenen Angaben als gutes Zeichen für die Belegschaft und deren Familien. Die Gespräche über einen möglichen Nachfolgebetrieb sollen Körber zufolge über die kommenden Monate bis ins Jahr 2021 hinein laufen.
Am Donnerstag, 17. Dezember, bestätigte Körber das Übernahmeinteresse an dem Haribo-Werk auch im Bundestag. Dort debattierten die Fraktionen in einer Aktuellen Stunde auf Antrag der Linken über Haribo in Sachsen.

Linke zu Haribo: Osten wurde verkauft und ausgepresst

Leider sei Haribo nur ein Beispiel von vielen, sagte die Arbeitsmarktexpertin der Linken, Sabine Zimmermann, im Bundestag. Oftmals seien Standorte für wenig Geld übernommen, kaum investiert, die Mitarbeiter zu geringen Löhnen beschäftigt, aber die Gewinne über viele Jahre abgeschöpft worden, beklagte sie. „So ist der Osten verkauft und ausgepresst worden“, sagte Zimmermann.
Während der AfD-Abgeordnete Jochen Pohl ebenfalls auf eine Reihe von Werksschließungen im Osten verwies, warfen Redner von Union und FDP der Linken vor, positive Entwicklungen im Osten schlecht zu reden und die Spaltung zwischen Ost und West zu vertiefen. Mark Hauptmann (CDU) verwies auf die Ansiedlung von Tesla in Brandenburg sowie die Fertigung von Elektroautos von VW und BMW in Sachsen.

Cottbus/Grünheide

Ostdeutschland sei noch immer oft verlängerte Werkbank, beklagte dagegen der SPD-Bundestagsabgeordnete Detlef Müller. Er sagte jedoch auch, dass der Osten Deutschlands wirtschaftlich stärker geworden sei.

Haribo-Sprecher: Es gibt kein Angebot von Konkurrenten

Haribo stellt den Betrieb in Wilkau-Haßlau bei Zwickau zum Jahresende ein. „Es liegt kein Angebot des Wettbewerbs vor“, sagte ein Unternehmenssprecher der Deutschen Presse-Agentur. Auch die von der CDU genannte Zahl möglicher Interessenten wollte Haribo demnach nicht bestätigten. „Wir prüfen ernsthaft alle seriösen Anfragen“, sagte der Haribo-Sprecher weiter.
Haribo hatte die Werksschließung wirtschaftlich begründet. Es seien unverhältnismäßig hohe Investitionen am Standort notwendig. Dort wurden jährlich etwa 10.000 Tonnen Süßigkeiten, darunter die Haribo-Goldbären, hergestellt.
Die Produktion von Süßigkeiten in Wilkau-Haßlau hat eine mehr als 100-jährige Tradition. Zu DDR-Zeiten wurden ebenfalls Gummibärchen hergestellt und zum großen Teil in den Westen geliefert. 1990 übernahm Haribo das Werk.

Aus für Haribo in Sachsen: Gehalt für Beschäftigte bis März 2021

Laut dem sächsischen Bundestagsabgeordneten Carsten Körber (CDU) ist für das Haribo-Werk in Sachsen ein „sehr guter“ Sozialplan beschlossen worden. Haribo zahle der Stadt Wilkau-Haßlau außerdem noch zwei Jahre einen Beitrag in der Höhe der bisherigen Gewerbesteuern. Der Sozialplan enthält Beschäftigungsgarantien bis in den März 2021.
Die Proteste gegen die Werksschließung werden von Beschäftigten, Gewerkschaftern, Politikern und Kirchenvertretern getragen. Mehr als 16.000 Menschen haben eine Online-Petition unterstützt, und das Land Sachsen hat eine Werbekooperation mit Haribo aufgekündigt.
Die NGG und Beschäftigte haben zum Produktionsschluss weitere Proteste angekündigt. So wollten Mitarbeitende die Weihnachtsgeschenke des Unternehmens per LKW zurück in die Zentrale nach Grafschaft schicken.