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| 01:06 Uhr

Wenn die Kalenderblätter fallen

Tag für Tag bekommt man ein paar Zeilen mit auf den Weg. Vielleicht liegt darin das Geheimnis, warum sich der schlichte Abreißkalender gegen das schier unüberschaubare Fotokalenderangebot behaupten kann. Von Thomas Gillmeister

Klaus Roth (46) aus Stenn bei Zwickau ist der letzte ostdeutsche Hersteller von Tagesabreißkalendern.
Sie hingen zu DDR-Zeiten in fast jedem Haushalt und an vielen Arbeitsplätzen, die kleinen Tagesabreißkalender. Deshalb wurden trotz knappem Papierkontingent für rund 17 Millionen Einwohner pro Jahr rund drei Millionen Kalender produziert. Für 32 Pfennige bekam man dann einen bunten Mix aus Rezepten, Reisetipps, Dichterwahrheiten und Propagandawunschdenken ohne Verfallsdatum. Zunächst. So konnte man am 1. Dezember 1986 anlässlich des Tages der Grenztruppen der DDR eine Grußadresse des ZK der SED von 1983 lesen. Aktualitätsprobleme traten auch nach der deutschen Einheit auf: 1991 existierten auf den Blättchen noch der Internationale Kampf- und Feiertag der Werktätigen und der Nationalfeiertag der DDR.
Zu dieser Zeit war Klaus Roth in Sachsen als Handelsvertreter für Kalender unterwegs. Sein Problem damals: Während es an den zuvor äußerst knappen Fotokalendern plötzlich eine Riesenauswahl gab, fehlten immer öfter ganz normale Terminkalender. "Mit vielen ist man über Jahrzehnte aufgewachsen. Bei Fotokalendern macht der Kunde jede Mode mit. Konservativ ist er hingegen bei Terminkalendern", weiß er. Weil immer mehr Hersteller nach der Wende aufgaben, begann der gelernte Werkzeugmacher 1993 einfach selbst mit der Produktion. Aus dem Zwei-Mann-Betrieb in der Garage des Einfamilienhauses baute der phantasievolle Sachse in Stenn eine moderne Firma rund um Kalender und Schulbedarf mit über 20 Angestellten auf.
Er knüpfte auch an die die zwischenzeitlich eingestellte DDR-Tagesabreißkalender-Tradition an, die bis dahin im brandenburgischen Bad Liebenwerda beheimatet war. Als erstes entwickelte der Tüftler eine neue Abreißtechnologie. "Denn viele Kunden können sich noch bestimmt daran erinnern, dass früher im Kopf des Kalenders hässliche Reste hängen blieben und diese das Abreißen von Tag zu Tag schwerer machten." Auch wurden die Inhalte dem Zeitgeist angepasst. "Montags gibt es Zeitgeschichtliches, mittwochs Witze und freitags Rezepte fürs Wochenende", zählt der erfolgreiche Unternehmer auf. Unterstreichen möchte er auch, was ihn von seinen zwei westlichen Mitbewerbern unterscheidet: "Bei uns heißt der Sonnabend noch so und nicht Samstag. Und außerdem haben wir die Sonnenauf- und Sonnenuntergangszeiten von Leipzig und nicht von Kassel wie bei der Konkurrenz. Das macht am Sommeranfang immerhin 21 Minuten aus", bemerkt er.
Seine Kunden halten ihm die Treue. Rund 150 000 Tagesabreißkalender werden pro Jahr vorrangig in die neuen Bundesländer ausgeliefert. Der Preis liegt bei etwa 1,50 Euro. Und während nun gerade das neue Jahr begonnen hat, bereitet Klaus Roth bereits den Tagesabreißkalender für 2006 vor.