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| 02:38 Uhr

Wenn das Schaf so traurig guckt

Bald wird es diese Momente für Kerstin Doppelstein nicht mehr geben. Sie will mit dem Hüten aufhören.
Bald wird es diese Momente für Kerstin Doppelstein nicht mehr geben. Sie will mit dem Hüten aufhören. FOTO: Keilholz/ckz1
Leipzig. Die Leute, die Kerstin Doppelstein die Arbeit schwer machen, nennt sie "aufmerksame Bürger". Einer schrieb mal einen Beschwerdebrief ans Veterinäramt. Christine Keilholz / ckz1

()Die Leute, die Kerstin Doppelstein die Arbeit schwer machen, nennt sie "aufmerksame Bürger". Einer schrieb mal einen Beschwerdebrief ans Veterinäramt. Er könne spüren, hieß es darin, dass es Doppelsteins Schafen nicht gut gehe. Das erkenne er daran, dass die Tiere "so traurig gucken". Ein anderer zeigte die Schäferin beim Landwirtschaftsministerium an, weil ihre Schafe im Winter im Freien standen.

Jetzt reicht es Kerstin Doppelstein, sie will mit dem Hüten aufhören.

Das kündigte die 38-jährige Leipzigerin Anfang März bei einer Landwirtschaftstagung in Großenhain an. Und sofort ging ein nervöses Raunen durch den lichten Mischwald am Cospudener See südlich von Leipzig. Denn die empfindliche Landschaft dort steht und fällt mit der Arbeit von Kerstin Doppelstein und ihrer Herde.

Seit sieben Jahren helfen die Tiere dort beim Aufbau neuer Wälder, indem sie einfach da sind und fressen. Sie halten den sonnendurchfluteten Wald frei von Gestrüpp. Sie wandeln unerwünschte Sprösslinge von Pappeln, Birken und Weiden um in Köttel, lassen aber die wertvollen Eichen stehen. Die 600 Mutterschafe und Ziegen machen das besser, als der Mensch es könnte, und zudem günstiger.

Das Ganze ist so idyllisch wie ökologisch. 2013 bekam die Schäferin den sächsischen Umweltpreis für das einmalige Hüteprojekt, zusammen mit dem Leipziger Stadtforstamt, mit dem sie zusammenarbeitet.

Eigentlich könnten alle zufrieden sein, auch die seltenen Vögel und Schmetterlinge, die es jetzt am Cospudener See wieder gibt. Aber da ist noch eine empfindliche Art, die das System zunehmend stört: der Naherholer.

Der Cospudener See ist nicht nur ein Ökosystem, er ist auch Leipzigs größte Badewanne. An Sommerwochenenden rollt die halbe Stadt mit dem Fahrrad an und liegt dann auf den Liegewiesen, die Doppelsteins Tiere schön kurz gefressen haben. Badegäste und Schafe leben dort weitgehend in friedlicher Koexistenz. Doch immer öfter gibt es Zoff. Die Schäferin berichtet von zerstörten Weidezäunen, von geklauten Batterien. Mehrfach hätten Unbekannte Schafe "befreit" oder Hunde zum Spaß ins Gehege gesetzt.

Zwei Welten prallen da aufeinander. Hier die natursuchenden Großstädter, die in Bezug auf Tiere "etwas realitätsferne Vorstellungen haben", wie Stadtförster Andreas Sickert sagt. Dort das Nutztier Schaf und seine Halterin, die ihrer Jahrtausende alten, bodenständigen Tätigkeit nachgehen. Hier wird geskatet, da geblökt.

Die Diplombiologin Kerstin Dopelstein fing 2008 in einer Schäferei an, übernahm dort 28 Schafe und begann zu züchten. Die Stadt Leipzig und der Kreis Leipzig Land bezahlen sie fürs Hüten, ebenso die Talsperrenverwaltung. "Eine so fachkundige und engagierte Schäferin ist für uns nicht zu ersetzen", sagt Stadtförster Andreas Sickert. Man wolle schließlich "die Natur zurück in die Stadt holen".

Weil die Schafe aus förderrechtlichen Gründen nicht mehr auf die Weiden privater Eigentümer dürfen, hat sich Sickert darum bemüht, andere Flächen zu finden. Auch eine Baumreihe wurde organisiert, in der die Schafe stehen können, damit sie auch im Naturschutzgebiet einen Wetterschutz haben. Das ist auch nötig geworden, um die aufmerksamen Bürger zu beruhigen.