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| 20:53 Uhr

Wahlkampf im Kohlerevier
Große Politik in Weißwasser

 In die sächsische Stadt Weißwasser kommt demnächst viel Politprominenz (v.li.): Fraktionsvorsitzender der Grünen, Anton Hofreiter, CDU-Bundesvorsitzende und Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer, Linken-Politiker Gregor Gysi und die Vorsitzende der AfD-Bundestagfraktion Alice Weidel.
In die sächsische Stadt Weißwasser kommt demnächst viel Politprominenz (v.li.): Fraktionsvorsitzender der Grünen, Anton Hofreiter, CDU-Bundesvorsitzende und Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer, Linken-Politiker Gregor Gysi und die Vorsitzende der AfD-Bundestagfraktion Alice Weidel. FOTO: ----
Weißwasser. Die Stadt am Tagebau erlebt einen nie gekannten Polit-Auflauf: Weidel, Hofreiter, Gysi und AKK kommen vor der Landtagswahl nach Weißwasser. Doch was wollen die auf einmal alle in dem kleinen Städtchen? Von Christine Keilholz

Plötzlich kommen alle nach Weißwasser. In den Tagen vor den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg erlebt das Städtchen eine Invasion von Polit-Prominenz. Den Anfang macht CDU-Bundeschefin Annegret Kramp-Karrenbauer, die am Samstag die Eisarena besucht. Nächsten Dienstag dann gastieren zeitgleich zwei Fraktionschefs aus dem Bundestag im Telux. Es sind ausgerechnet die, die inhaltlich am weitesten auseinanderliegen.

Die AfD-Frau Alice Weidel und der Grüne Anton Hofreiter haben ihr Gastspiel in Weißwasser in demselben Gebäude, nur in zwei unterschiedlichen Sälen. Die Linke schließlich schickt ihren besten Mann nach Weißwasser, nächsten Donnerstag lädt Gregor Gysi zum Plausch  an den Stadtstrand.

Große Politik in Weißwasser

Einen derartigen Auflauf von großer Politik hat Weißwasser noch nicht erlebt. Was wollen die auf einmal alle in einem 16 000-Einwohner-Städtchen kurz vor Polen und kurz vor dem Tagebau Nochten?

Die Antwort sind drei Gründe: Erstens biegt der Landtagswahlkampf in Sachsen auf die Zielgerade ein. Zweitens wollen sich die Parteien mehr um den ländlichen Raum kümmern, auch durch Besuche. Und drittens ist die Braunkohle zum Symbol des gesellschaftlichen Wandels geworden, der alle betrifft. Das lenkt die Blicke auf die Gegenden, wo die Kohle Rohstoff, Umweltproblem und identitätsstiftende Industrie gleichermaßen ist.

Um all das zusammen ins Bild zu heben, ist Weißwasser der passende Ort. Die Stadt an der Struga, die heute halb so viele Einwohner hat wie 1990 und wo gerade der Edeka in der Innenstadt zugemacht hat, weil er nicht genug Umsatz brachte.

Kleinstädte im Osten liegen im Wahlkampf-Fokus

Das bringt die Schwierigkeiten einer Kleinstadt in der Peripherie auf den Punkt: Kleine Städte im Osten, die zu weit weg liegen von den Metropolen, sind das Kernthema im politischen Jahr 2019. Die Landtagswahlkämpfe, die parallel in Brandenburg, Sachsen und Thüringen stattfinden, rücken diese Orte in den Fokus.

Für die Parteien geht es in diesem Wahlkampf um alles, Hauptkampfplatz ist die Kohlezone in der Lausitz - und am nächsten daran ist Weißwasser. Oberbürgermeister Torsten Pötzsch freut sich über die Polit-Karawane in seiner Stadt. „Der Blick ist in die Lausitz gelenkt worden“, sagt Pötzsch. „Daran haben wir ein paar Jahre gearbeitet.“

Der 48-Jährige sitzt seit 2010 im Rathaus, aber so einen Auflauf wie jetzt hat er noch nicht erlebt. Umso besser, die große Öffentlichkeit solle ruhig erfahren, dass es hier Leute gibt, die die Zukunft nicht so negativ sehen, sagt er.

Weißwasser hat harte Jahre hinter sich

Weißwasser hat harte Jahre hinter sich. Die Glasindustrie hat sich praktisch aufgelöst. Von den zig Glasherstellern, die die Stadt einst hatte, ist nur einer geblieben. In dieser Situation verbreitet der Kohleausstieg der für 2038 beschlossen ist, Sorge in der Stadt.

Weißwasser ist mit der Kohle verwoben, auch räumlich. Wo die Stadt endet, tut sich der Tagebau Nochten auf. „Die Menschen hier sind ungeduldig“, sagt Pötzsch, „die sehen, dass anderswo etwas vorangeht, hier aber nicht.“ Das habe sich auch durch die Milliardenzusagen nach dem Kohlekompromiss nicht geändert. Weißwassers Stadtoberhaupt ist wichtig, dass die Zusagen für die Finanzhilfen bald in Gesetzesform gegossen werden – und dass die Orte mit „Kohle-Kernbetroffenheit“ am meisten davon profitieren. Nur so könne man dem Gefühl des Abgehängtseins entgegenwirken.

Dieses Gefühl wird die Fraktionschefin der AfD wohl aufgreifen, wenn sie am Dienstag im Telux spricht. Alice Weidel, die Wirtschafts-Frau aus NRW bezweifelt, dass der Klimawandel vom Menschen verursacht wird und bezeichnet die Warnungen des Weltklimarats als Lobbypolitik. Das treibt der AfD die Herzen derer zu, die an der Kohle hängen.

Fest für kulturelle Vielfalt in Weißwasser

Um Weidels Auftritt die Kraft zu nehmen, hat sich vor Ort ein überparteiliches Bündnis gebildet. Linke, Grüne, SPD und CDU organisieren gemeinsam mit der evangelischen Kirchgemeinde ein Fest für kulturelle Vielfalt (die RUNDSCHAU berichtete), während die AfD-Frau im Telux spricht. Man will damit zeigen, dass es ein gemeinsames Interesse an der Zukunft der Region gibt, heißt es aus dem Bündnis.

Die politische Zukunft des Wahlkreises Görlitz 1, zu dem Weißwasser gehört, ist völlig offen. Lange dominierte hier die CDU, doch der Kandidat Tilmann Havenstein tritt zum ersten Mal an.

Kampf um Wahlkreis

Um den Wahlkreis für die Regierungspartei zu verteidigen, hat er sich die bestmögliche Hilfe organisiert. Ob Parteichefin Kramp-Karrenbauer mit ihrer Anwesenheit die Bastion Weißwasser verteidigen kann, wird sich zeigen.

Wie fühlt sich eine Stadt als Kulisse, die Strukturschwäche abbilden soll? Nicht nur schlecht, sagt der Bürgermeister. Vor zwei Wochen sprach er in einem Tagesschau-Beitrag, wo es um abgehängte Regionen im Osten ging.

Daraufhin meldete sich ein Unternehmer, der in der Stadt etwas aufziehen möchte. „Der sagte: Sie haben engagiert gewirkt, das hat mir gefallen“, sagt Pötzsch. Und auf Engagement komme es letztlich an.

Diskutieren Sie mit den Landtagskandidaten in Sachsen

Am 29. August 2019 haben Sie die Gelegenheit, den Kandidaten der Landtagswahl in Sachsen mit Ihren Fragen auf den Zahn zu fühlen. Das Hauptthema der Diskussion ist die innere Sicherheit.

Mit dabei sind:

  • Tilmann Havenstein, CDU
  • Petra Köpping, SPD
  • Rico Gebhardt, Die Linke
  • André Wendt, AfD
  • Wolfram Günther, Grüne
  • Mike Hauschild, FDP

Melden Sie sich jetzt an! Der Eintritt ist frei, die Zahl der Plätze ist begrenzt. Anmeldungen per Mail bitte an direkt@lr-online.de oder telefonisch unter 0355/481 555. Die Veranstaltung zur Landtagswahl am 29. August 2019 in Weißwasser beginnt um 19.30 Uhr (Einlass: ab 19 Uhr). Ort: Pavillon des Stadtvereins Weißwasser, Sorauer Platz 2.