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| 01:03 Uhr

Vor 15 Jahren konstituierte sich der sächsische Landtag

Die Erinnerung an den 27. Oktober 1990 mag bei den meisten Sachsen verblasst sein. Dabei war der Samstag vor 15 Jahren eine Sternstunde in der noch jungen Demokratie des Landes. An diesem Tag trat das Parlament zur konstituierenden Sitzung zusammen. Sachsen hatte seinen Landtag wieder, wählte mit dem CDU-Politiker Kurt Biedenkopf einen Regierungschef, mit Erich Iltgen (CDU) einen Parlamentspräsidenten und nannte sich fortan wieder Freistaat. Mangels eines eigenen Gebäudes kamen die 160 Abgeordneten von fünf Parteien zunächst in der Dreikönigskirche unter. Von Jörg Schurig

Vor der Tagung hatte der damalige Landesbischof Johannes Hempel in einem ökumenischen Gottesdienst den Abgeordneten beschwörende Worte mit auf den Weg gegeben. "Nehmet einander an", appellierte der evangelische Bischof an die Parlamentarier. Sein katholischer Amtskollege Joachim Reinelt mahnte in seinem Gebet die Achtung vor jedem Menschen an.
Zum Gottesdienst war selbst der Fraktionschef von Linke Liste-PDS, Klaus Bartl, erschienen. Da er sich im Wahlkampf bei einem 100-Meter-Lauf verletzt hatte, humpelte der damals 40-Jährige auf Krücken bis zur ersten Bank. "Biedenkopf erkundigte sich voller Anteilnahme nach meinen Befinden", erinnert sich Bartl. Der medizinische Disput sollte das einzige Zwei-Augen-Gespräch für die kommenden zehn Jahre bleiben.
Dass sich die Abgeordneten erst in ihre Rolle finden mussten, bewies bei der ersten Sitzung Alterspräsident Heinz Böttrich. Der 65-Jährige Hals-Nasen-Ohren-Arzt aus Chemnitz verlor im Gezerre um die Geschäftsordnung zeitweilig den Überblick und brauchte Biedenkopf als Souffleur. Regisseure aus dem Westen, darunter juristische Berater der Parlamente aus Stuttgart und Bonn, sorgten dafür, dass die sächsische Demokratie nicht im Streit Schaden nahm.
"Ich bin damals gläubig und völlig naiv in die parlamentarische Praxis gestolpert", sagt Bartl. Die Erfahrung der Runden Tische in der Spätphase der DDR habe Mut gemacht, dass es auch im Parlament konstruktiv weitergehe. Ernüchterung sei ziemlich schnell gekommen. "Wir wurden ohne sachliche Auseinandersetzung einfach weggestimmt." Bartl kann sich nach 15 Jahren Parlamentarierleben nur an einen PDS-Antrag erinnern, der Mehrheit fand: "Die Nichtverwendung von Regenwaldhölzern in öffentlichen Einrichtungen des Freistaates."
Die heutige Grünen-Fraktionschefin Antje Hermenau kam mit dem Fahrrad zur Sitzung geradelt und ärgerte sich, dass ihr damaliger angelsächsischer Nachname Rush ständig falsch ausgesprochen wurde. Dennoch hat sie an die Premiere vor allem positive Erinnerungen. "Es war das Gefühl: Jetzt bestimmen wir selbst."
Erich Iltgen, inzwischen dienstältester Landtagspräsident in Deutschland, hat die Konstituierung als "Erfüllung eines Traums vieler Menschen" erlebt. In der Wendezeit sei klar geworden, dass viele Bürger wieder Sachsen sein wollten. Auch die Verabschiedung der Verfassung und die Übergabe der Schlüssel für den neuen Landtag 1993 habe er als Sternstunden in Erinnerung behalten. "Offenheit und Transparenz waren eine Vorgabe für den Saal", sagt Iltgen über von Architekturkritikern hochgelobten Neubau an der Elbe.
Für manche Parlamentarier hat sich das Mandat als Jobs fürs Leben erwiesen. Abgesehen von Nachrückern gibt es unter den aktuellen 124 Abgeordneten zwei Dutzend, die dem Landtag von Anfang an angehörten. 18 davon stellt die CDU, die SPD und die Linksfraktion.PDS kommen auf je drei. Eine besondere Feier am 15. Geburtstag des Parlaments ist nicht geplant. In Dresden sollen nur die wirklich runden Jubiläen gefeiert werden.