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Vom Kajak bis zu Stelzsandalen

1878 sorgte sich der Herrnhuter Apotheker Bernhard Kinne ernsthaft um die vielen Sachen „von historischem Interesse und Werth“, die auf Hausböden und in Schränken der Einwohner des Oberlausitzer Städtchens in Vergessenheit zu geraten drohten. Von marina michel

Weltweit gesammelt von den Missionaren der Herrnhuter Brüder-Unität, sollten sie für kommende Generationen bewahrt werden. Die Privatinitiative fiel auf fruchtbaren Boden. Der daraufhin gegründete Museums-Verein eröffnete im gleichen Jahr eine erste Ausstellung.
125 Jahre nach Gründung des ersten Museums ist unter dem Titel "Ethnographie und Missionstätigkeit" nun im Völkerkundemuseum Herrnhut eine ganz neu gestaltete Dauerausstellung entstanden, die fünfte in der Geschichte der Sammlung, die seit 1975 als Außenstelle zum Staatlichen Museum für Völkerkunde in Dresden gehört. Einen Vergleich mit den großen Völkerkundemuseen in Leipzig, Hamburg, Berlin und Dresden braucht die Herrnhuter Schau nicht zu scheuen. Die völkerkundliche Sammlung gilt unter Fachleuten als eine der frühen und geschlossensten im deutschsprachigen Raum, mit Raritäten, die es woanders längst nicht mehr gibt.
Rund 1200 Objekte, davon 1100 aus Herrnhuter Bestand, werden in der neuen Ausstellung in 13 Bereichen gezeigt, auf jetzt 500 Quadratmetern Fläche. Erstmals überhaupt sind Gegenstände der Aborigines aus Australien (Queensland und Victoria), der Karibik und Nicaragua sowie aus dem Gebiet der unteren Wolga ausgestellt, darunter eine kalmykische Tempeljurte mit religiösen Malereien von 1820. Die ehemalige Missionsstation der Herrnhuter bei den Kalmyken in Zarepta ist heute ein Stadtteil von Wolgograd. Weitere Besonderheiten der Herrnhuter Ausstellung sind Objekte der Marron, Nachkommen von ehemaligen afroamerikanischen Sklaven in Surinam sowie Gegenstände der Miskito-Indianer von der Westküste Nicaraguas.
In mittel- und westeuropäischen Museen einmalig ist die Inuit-Sammlung des Herrnhuter Museums. Das Original-Kajak (Männerboot der Inuit auf Grönland) und das Hundeschlittengespann aus Labrador zählen wohl zu den bekanntesten Stücken.
Eine absolute Rarität ist die kleine Kollektion von Kunstgegenständen, die von der dritten Reise des englischen Kapitäns James Cook stammen. Bereits kurz nach Ende der Fahrt gelangten sie in das Naturalienkabinett der Brüder-Unität.
Auch andere "Merkwürdigkeiten" sind zu entdecken, so ein Wampumgürtel, den Reichgraf Nikolaus von Zinzendorf, der Gründer der Herrnhuter Brüder-Unität, 1742 von irokesischen Häuptlingen erhielt. Mit diesem Unterpfand ist einst das Wohnrecht der Herrnhuter Missionare in Pennsylvania besiegelt worden. Oder ein Paar mit Perlmut und Elfenbein verzierte hölzerne Stelzsandalen, die ägyptische Frauen in den Städten um 1760 getragen haben. Beide zählen zu den ältesten Exponaten der Herrnhuter Sammlung.
Öffnungszeiten des Völkerkundemuseums Herrnhut, Goethestraße 1: Dienstag bis Freitag
9 bis 17 Uhr, Sonnabend, Sonntag, Feiertage 9 bis 12 und 13.30 bis 17 Uhr. Internet: www.herrnhut.de