ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 11:04 Uhr

Vom Zauber des Blaudrucks in Pulsnitz
Neuer Schwung für altes Handwerk in der Lausitz

  Die Blaufärberin Cordula Reppe zeigt in ihrer Blaudruckerei Decken mit Weihnachtsmotiven.
Die Blaufärberin Cordula Reppe zeigt in ihrer Blaudruckerei Decken mit Weihnachtsmotiven. FOTO: dpa / Miriam Schönbach
Pulsnitz. Nur noch zwölf Blaudruckereien gibt es in Deutschland. In einer der ältesten Manufakturen im sächsischen Pulsnitz versucht Cordula Reppe dem Handwerk neuen Schwung zu geben – mit jungem Design und der Unesco. Von Miriam Schönbach

Quietschend öffnet Cordula Reppe den gusseisernen Bollerofen in der Blaudruckwerkstatt im sächsischen Pulsnitz und legt ein Holzscheit nach. „Sie werden gleich ihr blaues Wunder erleben“, sagt sie und geht zu einem gigantischen, im Boden versenkten Topf. Die Färberküpe, wie die Expertin sagt, zeigt nur ein blaues Wasserbad und einen Metallreifen am Seil. Diesen Strick kurbelt sie hoch. Langsam kommt die in Falten gelegte Stoffbahn aus dem farbigen Nass. Sie ist frühlingsgrün.

Reppe gehört zu den letzten Blaufärbern in Deutschland. Mit der erst kürzlichen Aufnahme auf die Unesco-Liste des Immateriellen Kulturerbes erhofft sich die Zunft neuen Schwung für das fast vergessene Handwerk. „Was gut grünt, wird gut blau, drauf ist Gott Vertrauen. Das wussten schon Generationen unserer Vorfahren“, sagt die 57-jährige Reppe.

 Cordula Reppe  in der Blaufärberei beim „Blaumachen“. Nur noch zwölf Blaudruckereien gibt es in Deutschland.
Cordula Reppe in der Blaufärberei beim „Blaumachen“. Nur noch zwölf Blaudruckereien gibt es in Deutschland. FOTO: dpa / Miriam Schönbach

Die Technik des Blaudrucks hat Jeremias Neuhofer aus Augsburg von England 1689 mit nach Deutschland gebracht. Mit der Geschichte des Druckverfahrens hat sich Katja Fietz im Rahmen ihrer Abschlussarbeit an der Fachhochschule in Dresden beschäftigt. Aus Blaudruck-Stoffen hat sie eine eigene Mode-Kollektion mit 20 Teilen entworfen und geschneidert. „In der Hochzeit des Blaudrucks im 19. Jahrhundert finden wir europaweit rund 7000 Werkstätten“, sagt die gebürtige Mecklenburgerin. Die Ursprünge der Stoffdruckkunst führen indes nach Indien. Dort wächst das begehrte Indigo. Über das Meer brachten Engländer und Niederländer das unverwechselbare Naturblau mit.

Kunsthandwerkerin Reppe betrachtet ihr frühlingsgrünes Werk. Eine halbe Stunde muss es in der Luft baden. Auf einer Leine hängen bereits fertige Stoffe in Tiefblau. An der Wand stehen drei große Bottiche aus Plastik, in denen die gefärbten Bahnen ausgewaschen werden. Ins Auge fällt ein hölzerner, viereckiger Zuber. „Ich vermute, dass er noch zur ursprünglichen Ausstattung gehört“, sagt die langjährige Pulsnitzer Museumsleiterin. Die Kulturmanagerin hat vor fünf Jahren das Fachwerkhaus aus dem Jahr 1820 übernommen. „Der Altmeister wollte in Rente gehen. So ein schönes Handwerk darf man doch nicht sterben lassen“, sagt die gelernte Schneiderin. Nach einer halben Stunde schimmert die Stoffbahn im Neonlicht nachtblau-nass. Doch damit ist die Prozedur nicht beendet. Sechsmal wechselt sich das jeweils halbstündige Wasserbad mit einer Luftphase ab. Mit der Seilwinde bugsiert Reppe den Ring samt zehn Meter Baumwollstoff langsam wieder in die zweieinhalb Meter tiefe Küpe. Zweimal pro Monat färbt sie in ihrer Werkstatt, deren Ursprünge im schlesischen Steinau liegen. 1633 wird dort die Färberfamilie Stein erwähnt. Am Ende des Zweiten Weltkriegs muss der Erbe der Manufaktur, Gerhart Stein, fliehen und siedelt sich in einer leerstehenden Blaudruckwerkstatt in Pulsnitz wieder an.

 Mit einem Model bedruckt Cordula Reppe den Stoff.
Mit einem Model bedruckt Cordula Reppe den Stoff. FOTO: dpa / Miriam Schönbach

Deren Wurzeln wiederum reichen bis ins Jahr 1739. „Mit dieser Geschichte gehört die Pulsnitzer Werkstatt zu den ältesten Blaudruckereien der Region, allerdings war sie nicht durchgängig in Familienbesitz“, berichtet Fietz. Der „Einbecker Blaudruck“ sei dagegen von 1638 bis 2005 über sieben Generation erhalten geblieben. Heute gibt es laut Unesco nur noch zwölf Betriebe in Deutschland und 15 in anderen europäischen Ländern.

Der Kohleofen macht die Luft stickig in der Werkstatt in  der Oberlausitz. Die Pulnitzer Kunsthandwerkerin eilt zwischen zwei Blau-Bädern mit synthetischem Indigo in ihr Atelier. Dort stehen Nähmaschine und Zuschnitt-Tisch, an den Wänden in der Regalen liegen die sogenannten Model – das Kapital der Blaudrucker. Mit Hilfe dieser Formen trägt die Autodidaktin den Papp – eine Mischung aus Kaolin-Ton, Gummi Arabicum und ein paar geheimen Chemikalien – auf den weißen Stoff auf. „Einst wurden die Model komplett aus Holz gefertigt. Später besetzten sie Formstecher mit Metallstiften. Inzwischen gibt es Mischformen“, sagt sie. Ihre ältesten Druckformen sind über 150 Jahre alt.

 Model, die im Blaudruck für die Muster sorgen, liegen in einer Blaudruckwerkstatt. Blaudruck, eine auch in Deutschland verwendete jahrhundertealte Technik der Textilveredelung, ist zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit erklärt worden.
Model, die im Blaudruck für die Muster sorgen, liegen in einer Blaudruckwerkstatt. Blaudruck, eine auch in Deutschland verwendete jahrhundertealte Technik der Textilveredelung, ist zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit erklärt worden. FOTO: dpa / Oliver Killig

Für Reppe und die Modedesignerin Fietz ist der Blaudruck eine traditionelle Drucktechnik mit Potenzial und braucht dringend eine Imagepolitur jenseits der „Tischdecken mit Streublümchen“. „Gerade die Do-it-yourself-Trends, dass man Selbstgemachtes, Regionales und Nachhaltiges wieder schätzt, hat dem Handwerk geholfen. Es wird aber ein Nischenprodukt bleiben“, sagt Fietz. Neben ihrem Beruf als Krankenschwester auf einer Intensivstation baut sie ihr Modelabel „Womblu“ auf. Für ihre Kollektion hat sie die Stoffe in der Pulsnitz mit den alten Musterstöcken bedruckt und gefärbt.

Fünf Minuten bleiben Reppe noch bis zum nächsten Zug. Sie legt in der Färberei noch einmal Holz im Ofen nach. 18 bis 20 Grad braucht der Raum, damit die Farbe oxidieren kann. Die Färberin kurbelt den Stoffkranz aus seinem blauen Bad. Der Stoff schimmert jetzt Jägergrün. „Da kann man sich vorstellen, dass die Blaufärberei früher als Hexerei galt“, sagt Handwerksretterin. Mit acht weiteren Blaudruckern aus Deutschland hat sie die Bewerbung um die Aufnahme auf die Unesco-Welterbeliste vorangetrieben. „Wir brauchen Aufmerksamkeit, denn der Nachwuchs fehlt“, sagt sie.

 Der Model „Josuar und Kaleb auf dem Weg ins gelobte Land“ gehört zu den ältesten der Blaudruckwerkstatt.
Der Model „Josuar und Kaleb auf dem Weg ins gelobte Land“ gehört zu den ältesten der Blaudruckwerkstatt. FOTO: dpa / Miriam Schönbach

Auch aus diesem Grund holt die Kulturmanagerin immer wieder Kinder, Jugendliche und Absolventen wie die Modedesignerin in ihre Werkstatt, um ihnen die Magie des „Blauen Wunder“ zu zeigen. Bei Fietz hat der Zauber längst gewirkt. „Dieses Blau fasziniert mich so. Es ist so würdevoll. Dafür schlägt mein Herz“, sagt die 41-Jährige.

 Die Blaufärberin Cordula Reppe hält einen Räuchermannmodel  in der Hand. Der hat jetzt wohl erst einmal Pause.
Die Blaufärberin Cordula Reppe hält einen Räuchermannmodel in der Hand. Der hat jetzt wohl erst einmal Pause. FOTO: dpa / Miriam Schönbach